Freitag, 3. Februar 2023

Über das Sitzen

Es genießt keinen guten Ruf in diesen Tagen, es ist verpönt, gilt als Volkskrankheit, wird böswillig gar als „das neue Rauchen“ bezeichnet – nein, im Ernst, das Sitzen hatte schon mal einen besseren Stand. Das ist schade, es ist ungerecht, vor allem aber verfehlt, denn es gibt viele klare und gute Gründe, sich hinzusetzen – schwieriger und existentieller ist dagegen schon die Frage, wofür ich eigentlich aufstehe.

In der Museumsaufsicht ist der Stuhl meine Rettung; die Aussicht, sich setzen zu dürfen, ist unsere ferne Erscheinung um Horizont, das rettende Schiff, das sich minutiös nähert, bis die Hoffnung Anker legt, die Ablöse mich in die Pause entlässt, die Füße entspannen, die Bandscheiben ruhen, für ein paar Minuten nur. Erst das erzwungene Stehen offenbart den wahren Wert des Sitzens, und erst im dankbaren Niederlassen auf den Stuhl wird klar, was er wirklich darstellt – einen Luxus, ein wertvolles, vierbeiniges Kulturgut, für das es sich zu kämpfen lohnt. In der Schule geht die Angst vorm Sitzenbleiben um, doch die härteste Strafe liegt im Stehen: es kann als Demütigung, kann als Folter verwendet werden (oft in Verbindung mit Nacktheit, Kälte, Finsternis), zur öffentlichen Vorführung, Abwertung,  Ausstellung dienen, im endlosen Anstehen an den Verstand gehen, bis zum Umfallen und darüber hinaus.

Das Stehen erregt Aufmerksamkeit, es behauptet jede Bühne für sich, doch viele, wirklich bewegende Dinge entstehen im Sitzen. Wird uns Gewichtiges mitgeteilt, sollen wir uns zuerst lieber hinsetzen, denn das Sitzen steht für Intimität, am Stuhl fühle ich mich privat, sicher und beschränkt, während das Stehen nach Größe und Pathos strebt (Ansprachen erfolgen im Stehen, Aussprachen im Sitzen). Sitzend wird geredet, gegessen, gewürfelt und gezinkt; sitzend werden Gesetze unterzeichnet und Geschichten aufgeschrieben, die gesamte Literaturgeschichte wäre ohne der Gegenwart eines Stuhls vollkommen undenkbar, denn jeder Text (auch dieser), jeder Akt des Schreibens beginnt damit, sich hinzusetzen.

Pascal wird der Ausspruch zugeschrieben, alles Übel in der Welt entstehe überhaupt nur dadurch, dass der Mensch nicht ruhig in einem Zimmer sitzen kann. Vielleicht ist das tatsächlich das Dilemma, der urtümliche Grund, warum das Sitzen heute so schlecht wegkommt: weil Unruhe urmenschlich ist, und die Stunden am Stuhl in ihrer Masse längst von Genuss und Genius befreit wurden, beschlagnahmt von Kafkas Beamtenapparat, der längst Alltag geworden ist; im globalen Großraumbüro ist der Stuhl keine entspannende Erlösung, keine Hilfe zur Entscheidung, er ist die ergonomische Knechtschaft, die verbiegt und verkrümmt, weil sie aus dem Luxus eine Legebatterie schafft, die sich in der sitzenden Unruhe selbst abstraft. 

Wenn meine Museumspause vorbei ist (und sie ist immer zu kurz), wenn ich nach diesen Zeilen wieder aufstehe, dann fühle ich mich für einen Moment erfrischt, ja, beinahe erholt, in jedem Fall dankbar. Und vielleicht bekäme das Sitzen wieder einen besseren Ruf, wenn wir uns öfter dieser einen Sache bewusst werden: Es ist nicht der Stuhl, der uns krank macht, sondern die Art und Weise, wie wir unsere Zeit auf ihm verbringen.

Sonntag, 22. Januar 2023

Der Postphobiker

Während andere Angst vor der Zukunft haben, fürchtet er, dass alles schon passiert ist. Jedes Mal, wenn er das Radio, den Browser anmacht, sich die Nachrichten ansieht, überkommt ihn die Panik, dass alles, was ihm gerade berichtet wird, nur die Wiederholung einer Vergangenheit ist, dass selbst die vagen Wetteraussichten nur falsche Rückschauen sind, weil in Wahrheit nichts davon live ist, auch wenn es so klingen soll (gerade, wenn es so klingen soll). Seine Angst ist die Krankheit, sein Zweifel das Symptom: Was, wenn nichts in unserer Welt gegenwärtig ist? Was, wenn uns nur vorgegaukelt wird, dass wir im Jetzt leben?

Er glaubt oder fürchtet, dass uns die Vergangenheit nur als Gegenwart verkauft wird, weil die Katastrophen der Zukunft schon längst eingetroffen sind. London könnte längst zerfallen sein, die Arktis geschmolzen, Australien versunken, der nukleare Erstschlag erst ein paar Jährchen her. Er sucht Hinweise in der Sprache, Signale im Radio, verdächtige Störgeräusche, Rückkopplungen, jede knisternde Frequenz heizt seine Paranoia an; natürlich, denkt er, nur die wenigsten wären eingeweiht, die meisten würden wirklich glauben, im vorgegebenen Jahr zu leben, sie glaubten, dass die Nachrichten von dem berichten, was gerade passiert, während er spürt, dass gerade vertuscht wird, was nicht mehr zu ändern ist.

Dummkopf, wird ihm gesagt, warum prüfst du es nicht einfach – reise nach London, flieg nach Australien, überzeug dich davon, dass die Welt noch steht, schau es dir an, mit eigenen Augen; doch für ihn ist das nicht Beweis genug, nein, es reicht nicht, um ihm seine Angst zu nehmen: Wenn er sieht, dass London in Ordnung ist, wer garantiert ihm dann, dass nicht Amsterdam im Argen liegt, der Eiffelturm einstürzt, das letzte Nutztier verreckt, in diesem Moment? Und woher weiß er, dass er nicht bloß durch die Fassade einer Stadt läuft, die im Inneren bereits verfallen und verseucht ist? Um seine Angst wirklich zu überwinden, um wahre Gewissheit zu haben, müsste er hinter jede verschlossene Tür blicken, er müsste an allen Orten der Welt zugleich sein, um sicher zu wissen, dass sie alle noch existierten. Und deshalb macht er sich auf die Suche nach dem Aleph.

Im Zuge seiner Angst ist er auf die Reportagen von Borges gestoßen; in einer berichtet er von einem winzigen Gegenstand, der das gesamte Universum in sich trägt. Fragwürdige Quellen wollen ihm zwar einreden, Jorge Louis Borges hätte phantastische Literatur verfasst, doch er glaubt nicht daran; er denkt, dieser Mann hätte schlicht und einfach zu viel gewusst, denn als einer der wenigen hat er sich getraut, über die Zukunft (also die eigentliche Gegenwart) zu berichten, er hat über das Internet geschrieben, noch lange, bevor es uns zugänglich wurde, und deshalb hat er auch nie den Nobelpreis erhalten, weil sie ihm natürlich keine Bühne bieten, ihn zum Schweigen bringen wollten – zwar könne niemand klar benennen, wer „sie“ sind, doch genau das ist ihre Absicht, weil „sie“ nicht auffliegen wollen, wandeln sie unsichtbar und unsterblich unter uns, wie Homer. Er denkt, dass Borges das wusste; und vermutlich musste er deshalb schleichend erblinden, offensichtlich haben sie ihm die Sehkraft entzogen, damit er nicht mit eigenen Augen die Wahrheit überschauen konnte; doch der Postphobiker will genau das.

Im Bericht von Borges wird das Aleph im Keller eines alten Hauses in der argentinischen Calle Garay entdeckt; zwar wurde das Haus mittlerweile abgerissen, der Gegenstand zerstört – doch wie uns Borges in seiner Schlussbemerkung mitteilt, hegt er die Vermutung, dass ein weiteres Aleph existiert, dass er womöglich das falsche beschaut hatte – es könnte sich im Inneren einer Steinsäule in Kairo befinden (sofern Kairo existiert), es könnte ein Spiegel sein, uns womöglich in menschlicher Form erscheinen. Der Postphobiker geht sämtlichen Hinweisen nach, die der Argentinier ihm hinterlassen hat, denn es ist die einzige, die letzte Möglichkeit, sich von seiner Furcht zu lösen, am Ende über sie zu triumphieren: indem er jenen Gegenstand findet, der ihm alle Ereignisse zu allen Zeiten zeigt, ihm Sicherheit gibt, dass es nie so kommen wird, wie es in seiner Panik bereits ist, ihm endlich all seine Ängste nimmt.

Er sucht ihn bis heute.

Dienstag, 3. Januar 2023

Der Boris-Effekt

Neujahr. Im dichten Nebel dieser imaginären Zäsur, die einen Neustart verkündet, ohne irgendetwas anzuhalten, zurückzusetzen (außer die Kalenderwoche), sitze ich in der kühlen Altbauhöhle und schaue mir den Distelfink an, die Verfilmung von Donna Tartts großem Roman um ein kleines Gemälde, The Goldfinch im Original, ein mit übermäßigen Vorschusslorbeeren bedachter Film, der sofort und tief im Nebel der Enttäuschungen verschwunden ist, an den Kinokassen ignoriert, von der Kritik in seltener Einigkeit vernichtet. Zu Unrecht, wie ich finde: denn der Film ist nicht schlecht, im Gegenteil, Besetzung und Ausstattung sind tadellos, das Drehbuch verknappt an den richtigen Stellen, die Kameraarbeit ist ein einziges Gemälde. Es ist paradox: Normalerweise leiden Romanverfilmungen gerade an den unendlichen Erwartungen durch jene, die ihre Vorlage verehren, doch beim Distelfink beschleicht dich das Gefühl, alle Kritiker, die den Film mit dem Buchvergleich abstrafen, haben Donna Wartts Wälzer niemals gelesen.

Denn im Grunde muss dir der Film leid tun, wenn du das Buch kennst, macht er doch schrecklich offensichtlich, woran bereits der Roman krankte: die seltsame Blässe seines Helden. Denn auch nach über tausend Seiten weiß ich von diesem Theo nicht mehr als seinen Namen; seine jugendlichen Drogenexzesse mit seinem abgeranzten Außenseiterkumpel Boris, sein unüberwindbares Trauma durch den gewaltsamen Verlust der Mutter, sein zwanghaftes Festhalten am titelgebenden Kunstwerk, seine Entwicklung zum kalkulierten Dandy, kalten Ehemann, berechnenden Lügenbaron, all das bleibt bereits im Buch die reinste Behauptung, nichts davon glaube ich ihm – bei all seinen Abenteuern bleibt Theo (wie durch ein Wunder) die langweiligste Figur seiner eigenen Geschichte.

Im Roman wiegt dieser Umstand erstaunlicherweise nicht sehr schwer, weil die Autorin es meisterhaft versteht, mich durch akribische, fast schon obsessive Beschreibungen in ihre Welt zu versetzen, und mehr Wert legt auf die Belebung eines Antiquariats als auf die Lebendigkeit des Antihelden; und weil sie Nebenfiguren schafft, die neben seiner Blässe umso stärker strahlen, allen voran der bleiche (niemals blasse) Boris, der bunteste Vogel und eigentliche Star neben dem Distelfink – über hunderte von Seiten verbannt ihn Tartt gnadenlos aus ihrem Buch, und dann, wenn er nach vielen, vielen Jahren endlich wieder in Theos Leben auftaucht, freue ich mich darüber so ehrlich, so euphorisch, als würde ich einen alten, bereits totgeglaubten Freund nach Ewigkeiten wiedertreffen. Im Film gelingt dieser Effekt nicht; er kann nicht gelingen – wenn Boris auf dem Bildschirm wieder auftaucht, ist nur ein halbes Stündchen vergangen und ein anderer Schauspieler in seiner Haut, einer, der mir meinen Boris wieder aus dem Kopf reißt, ihn mir ersetzen will; aber natürlich kann es nur einen Boris geben.

Über seine filmische Rückkehr freu ich mich nur, weil sie mich daran erinnert, welche unbändige Freude sie während der Buchlektüre in mir ausgelöst hat. Es ist ein magischer, universaler Effekt, den alle Büchermenschen kennen. Der manische Allesleser Alberto Manguel („Ich verstehe mein Leben als ein unablässiges Lesen in den Seiten vieler Bücher“) hat ein ganzes Werk darüber geschrieben, wie uns fiktive Figuren durchs Leben begleiten, uns zu wahren Freunden werden, uns manchmal sogar echter und greifbarer erscheinen als ihre leibhaftigen Schöpfer, die uns nicht weiter interessieren. Der Boris aus dem Buch ist mir ein solcher Freund geworden; seine filmischen Inkarnationen bleiben ferne Bekannte.

Donna Tartts Roman habe ich vor vielen Jahren gelesen, ich war damals noch keine Aufsicht, trug noch nie einen Dienstanzug, doch ich denke heute noch an Boris, wenn ich gute Kollegen nach Ewigkeiten wieder auf Position treffe; und ich frage mich, was dieses blonde Schlitzohr, dieser sympathische Solitär, Gift- und Gurkengenießer, dieses prinzipientreue Phantom wohl heute treibt, ob er für sich Erlösung gefunden hat, ob er noch manchmal seinen berauschten Jugendtagen in der Wüste von Nevada nachtrauert und was er in diesen Tagen wohl fühlt, jetzt, wo in seiner alten Heimat der Krieg herrscht. Boris ist Ukrainer.

Mittwoch, 14. Dezember 2022

Suppenkaspar, neu erzählt

Er hat sie satt; die Lügen der Eltern, die Lügen der Lehrer, die starren Mauern, in die er geboren wurde, die Enge und Gewalt, die ihn umgeben, alles davon hat er satt. Die Vorschriften und Forderungen, wie er zu denken, wie er zu fühlen, wie er sich bei Tisch zu benehmen hat, er hat es satt, auf Regeln zu hören, die er nicht versteht. Er ist jung, im Grunde noch ein Kind, doch er weiß bereits Bescheid, er fühlt doch, dass etwas nicht stimmt, nicht stimmen kann, und Gefühle lügen nicht.

Seit Jahren schon fühlt er sich unwohl, in seiner Familie, in seiner Haut, jeden Tag erlebt er wie in Einzelhaft; seine Gefühlswelt ist ein Gefängnis und die Bedingungen sind schlecht: jeden Tag die gleiche, verwässerte Ursuppe, die ihm vorgesetzt und aufgezwungen wird, fade und fake, wieder nur das uralte, ewig falsche Familienrezept, das es blind zu schlucken gilt, nein, er kann nicht, nein, er will nicht mehr. Er weiß, wenn er die Lügen noch länger zu sich nimmt, erstickt er an ihnen, also beginnt er, sich zu verweigern. Er tritt in den Hungerstreik, von einem Tag auf den anderen, und niemand kapiert es, weil es niemand kapieren will; seine Eltern, seine Ärzte verzweifeln, weil sie ihn nicht mehr dazu zwingen können, ihre Lügen zu löffeln, sie sehen nicht ein, warum er sein will, was er ist, also sehen sie zu, wie er aufhört zu essen.

Erst wird er blasser und schwächer, bald schmäler, bald schwindet der Körper, das Fleisch, das ihm nie bekommen hat, bald hungert er sich bis zum Knochen; jeden Tag, jede Stunde schwächen sich die Sinne, nur sein Wille bleibt stark, ungebrochen, bis zum Ende. Die Ärzte versuchen es mit Zwangsernährung, doch selbst hier, selbst im letzten Stadium setzt er sich zur Wehr, entzieht sich der Nadel, um die Eltern weinen zu sehen, zumindest dieses eine Mal und ehrlich.

Die Suppe ist schon lange kalt geworden, der Teller entfernt sich (zumindest sieht er sie nicht mehr). Er weiß, dass er nicht mehr zu retten ist, er will nicht gerettet werden, er will nicht mehr, außer ein Zeichen zu setzen, wenn nicht für sich, dann für die anderen, für alle, die es genau so satt haben wie er. 

Sein Leben war Protest, sein Tod die Konsequenz. Seine Geschichte lebt weiter.

Sonntag, 11. Dezember 2022

Die Alten (II)

Vor drei Monaten starb die Queen; die Queen, und jeder wusste, wer damit gemeint war, völlig unnötig, ihren Namen zu notieren, weil sie den Titel jahrzehntelang verinnerlicht hatte, zu dem Titel wurde, die Queen, lange vor meiner Geburt, und ich erinnere mich, mit einem Paar im Lift des Fürstenpalais’ gestanden zu sein, ein greises, ausgewandertes Britenpaar, und die Frau erzählte mir, unverkennbar stolz, ihr Mann hätte einmal mit der Queen gespeist, vor Jahrzehnten, kurz vor meiner Geburt, als er noch ihr Sicherheitsmann war; heute erinnere ich mich wieder an diese kurze Begegnung im Aufsichtsdienst; heute ist er für mich der Alte, der mit der Queen gespeist hat.

Immer wieder kommen sie zu uns ins Palais, in die privaten Kunstkammern des Fürsten – die Alten, die Langjährigen, die ein Leben intus haben, Menschen von der Insel, aus den Staaten, die ein Leben lang geschuftet haben, um sich die eine Europareise leisten zu können, und der erste Impuls im Kopf ist Warum, warum tun sie sich das an, in ihrem Alter, bei den Strapazen, mit Schiffen, Bussen, Taxis in das Herz der Stadt, um sich ein elend langes Stündchen durch die engen Galerien zu quälen, ohne Pause, ohne Sitzgelegenheit, und du bangst und zitterst, ob sie es wohl durchhalten, und bist erleichtert, wenn sie die letzte Stufe wieder hinter sich haben und wieder in ihren sicheren Reisebussen verschwinden.

Heute ist wieder so ein Tag, wo so eine Gruppe kommt, eine geschlossene Reisegruppe aus dem Land der Freiheit, jeder hat mehr Jahre als Sterne auf ihrer Flagge, weitaus mehr, und während draußen am neunten Dezember ein deprimierender Regen einsetzt, schleppen sie sich durch die Tür, die ich ihnen öffne. Es ist, als wäre eine gesammelte Mannschaft aus Benjamin Buttons eingetroffen, als hätte Fitzgerald sie persönlich hierher geschrieben, kleine staunende Kinder in undankbaren Großelternkörpern, überfordert von der Umgebung und den endlosen Stufen in den zweiten Stock. Doch um den Lift zu nehmen, sind viele zu stolz, sie nehmen den Kampf an und überschätzen sich, wie Erstsemestler (schließlich sei sie erst zweiundsiebzig, sagt mir eine, die sich besonders plagt, wenn es sogar die Neunzigjährigen schaffen, und sofort eine Entschuldigung hinten dran, als wäre ihr Alter ein Malheur). Ich zähle Gehstöcke und Rollatoren, die Buttons verstreuen sich in der Garderobe, die labyrinthische Architektur des Hauses überfordert sie, natürlich, eine Dame hat ihre Halskette verloren, eine andere ihre Gruppe, sie streifen beide verwirrt durch die Empfangshalle, wie zwei touristische Schlossgespenster, die außerhalb der Zeit wandeln.

Und wieder kommt mir der Gedanke hoch, dieses würgende Warum, doch ich weiß, es ist der falsche Impuls, es ist überheblich und zum Kotzen, so zu denken – die richtigere Frage wäre: Warum nicht? Warum sollten sie nicht ihre mürben Körper durch ein fremdes Land schleppen, warum sich nicht in einem fremden Museum verirren, „noch einmal stürmt, noch einmal …“ in den Ohren? Etwas nur deshalb nicht zu tun, weil es zu anstrengend erscheint, ist der Tod jedes Traumes, und niemand, außer der Träumer selbst, kann entscheiden, wann es zu spät ist, sich einen Traum zu erfüllen. Und wer weiß, wie viele Beweggründe, wie viele Geschichten wirklich in diesen Gesichtern liegen; vielleicht waren sie vor Jahrzehnten schon einmal hier, lange vor meiner Geburt, vielleicht haben sie wirklich jahrzehntelang auf diese Strapazen hingearbeitet, um sich einmal noch mit aller Kraft und Entschlossenheit ein Ziel zu setzen, nämlich eine Führung durch das Fürstenpalais durchzustehen, und diesen einen gefühlten Sieg davonzutragen, der sich (und daran will ich glauben) umso schöner festsetzt, je mühevoller er errungen wurde.

Es sind die Alten, die mir an diesem Tag zeigen, mir immer wieder beweisen: Es ist nie zu spät, um eine Reise zu beginnen – bevor es zu spät für sie ist.

Sonntag, 23. Oktober 2022

Über Heldentum

Es ist ein jüngeres Phänomen (im wahrsten Sinne, viele der Beteiligten waren gerade noch Jugendliche), es kann überall auf der Welt passieren, die Firma hat uns kürzlich schon davor gewarnt, in einer alarmierenden Rundmail – Achtung vor den aktionistischen Aktivisten, die sich an Kunstwerken festkleben, um Aufmerksamkeit zu erregen, für – ja, wofür eigentlich? In ein paar Monaten wird man sich noch an die Bilder erinnern, aber die konkreten Anliegen, die Ziele, wer kann sie dann noch benennen?

Wenn die Aktion größer ist als die Botschaft dahinter, dann ist der Aktivismus irgendwo falsch abgebogen; wenn es nur noch darum geht, die absolute Aufmerksamkeit zu erringen, egal wie, dann ist die Gefahr wirklich real – nicht primär, dass ein unbezahlbares Kunstwerk beschädigt wird (das Panzerglas bewahrt sie heute vor den klebrigen Pranken), sondern die Gefahr, dass sich eine heroische Protestbewegung zur Rettung der Welt hoffnungslos verrannt hat, und letztlich nur das Gegenteil von dem erzielt, was sie erreichen will. Der heldenhafte Mut, sich mit dem eigenen Leib für die größere Sache einzusetzen, an den Museumstüren hört er auf; es ist heldenhaft, sich einem Panzer in den Weg zu stellen, heldenhaft, sich an einen Baum zu ketten, um einen Bulldozer zu stoppen – doch wer ein Gemälde betatscht und beschmiert, ist nie mehr als ein Vandale, egal, wo die Gründe liegen.

Kürzlich in der National Gallery, London. Zwei blutjunge Aktivistinnen schütten den Inhalt einer Dosensuppe über van Goghs Sonnenblumen, kleben sich daraufhin an der Wand fest und fragen in die laufenden Handykameras, was mehr wert sei zu schützen – Kunst oder Leben? Auf ihren T-Shirts lässt sich ein Boykott gegen Öl ablesen, doch der wird untergehen in der Berichterstattung, der Debatte, die in den nächsten Tagen folgt, ein sinnloses Für und Wider, ob solche Protestformen der Sache dienlich seien; wie könnten sie es, wenn sich die Öffentlichkeit gar nicht erst für die Sache interessiert, sondern nur für die Aktion (im Übrigen wurde der Rahmen beschädigt), genauso gut könnte man in den Zoo gehen und einen Eimer Lebensmittelfarbe ins Pinguinbecken schütten, um gegen die prekären Arbeitsbedingungen bei Apple zu protestieren.

Wirklich absurd, wirklich unbedacht, mich wirklich wütend machend, ist aber diese pathetisch eingeworfene, ans falsche Gewissen appellierende Frage: "Kunst oder Leben?" Kunst ist Leben, sie ist Ausdruck jeder Lebensgemeinde, sie bringt Menschen zusammen, ist das Zeugnis einer Kultur, die vom Menschen erschaffen wurde, und deshalb ist sie genauso schützenswert wie der Mensch selbst – Kunst oder Leben, das ist keine Tresenfrage, "Kuhmilch oder Soja?", nein, Kunst als solches ist ein Wert, der dem Menschen innewohnt, der zum Aufbau seiner Kultur führt: die Kunst nicht zu beschützen, bedeutet, den Menschen nicht zu beschützen. Und ich als Aufsicht, die neun Euro die Stunde verdient, würde mein letztes Diensthemd geben, um einen van Gogh zu schützen. Nur leider kommen wir Aufsichten doch immer zu spät, können immer nur melden, was wir nicht fassen können.

In jedem Krieg werden Kunst- und Kulturgüter bewusst zerstört, um die Identität und Geschichte des selbsternannten Feindes zu vernichten, sie auszulöschen. Wenn eine Protestbewegung mit durchaus heroischen Zielen ein Kunstwerk angreift (selbst wenn es hinter Glas ruht), dann erzeugt das einen fatalen Symbolismus – nach dazu bei der geschmacklosen und völlig unbedarften Wahl des attackierten Gemäldes in London: sind die Sonnenblumen doch ein Volkssymbol der Ukraine, die sich gerade heldenhaft gegen einen russländischen Terrorismus wehrt, der ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Menschen nicht akzeptiert, sie brutal und feige angreift, vernichtet, seit acht Monaten schon.

Es ist ein schmaler Grad von Heroismus zu Terrorismus, und Angst in einem öffentlichen Museum zu verbreiten (denn jede Attacke erzeugt Angst) bedient nur letzteres. Eine Attacke auf ein Kunstwerk ist eine Attacke auf alle, die das Kunstwerk lieben, ist eine Attacke auf Unschuldige, nur weil sie verzweifelt nach der größeren  Aufmerksamkeit schreit, egal wie.

Wirklich heroisch wäre es, den wirklich großen Tieren, den Ölbaronen, den Völkermördern, den Zerstörern dieser Welt eine Suppe mitten ins Gesicht zu schütten; den Inhalt einer Suppendose über ein Meisterwerk des Impressionismus und Zeugnis menschlicher Kultur zu schütten, ist nur ein Akt der Ignoranz, stupide, destruktiv und – letztendlich – ziemlich feige.

Freitag, 24. Juni 2022

Britische Sichtweisen

Krieg zerstört: Leben, Häuser, Gebiete, Gewissheiten, Natur und Wahrnehmung. Seit Wochen und Monaten ertappe ich mich dabei, wie ich die müden Beine über den heißen Kies im Ehrenhof schleppe (während die jungen Menschen ringsum ihr Leben genießen), den Kopf zum Palais hebe und mir unvermittelt vorstelle, wie es wäre, wenn jetzt, in diesem Moment, eine Rakete in das Haus einschlägt. Was hier, in meiner Stadt noch immer undenkbar scheint, ist zwei Länder weiter Realität; seit vier Monaten schon sind die Raketen, Bomben, Minen und Sirenen Realität, und nicht nur Menschen und Territorien werden zerstört, auch die Kultur steht unter Dauerbeschuss, Kirchen, Kinos, Theatersäle wurden rigoros zerstört, als wären es Unfälle, doch Krieg ist kein Unfall und ein Befehl kein Versehen (selbst wenn es so scheinen soll): Der Überfall auf einen Staat, auf ein Volk, ist auch der Überfall auf ein Museum. Auf alle ukrainischen Museen. 

Nicht nur Waschmaschinen, Laptops und Autos werden in diesem Krieg entwendet, auch viele Kunstspeicher eines Landes wurden wochenlang attackiert, eingeäschert oder ausgeräumt, Kulturschätze geplündert, gestohlen, verschwindend gemacht, während ich hier, in dieser lebenswerten Stadt, einen weiteren ruhigen Museumsdienst angehe und mich einzig und allein vor der brütenden Junihitze schützen muss.

Ich bin kein Soldat, ich wäre ein schlechter, doch ich trage eine Uniform und ich bewache ein Gebäude, ein Museum, weil ich an seinen Wert glaube; nicht an die Auktionssummen, die in den Ankäufen liegen, nicht an die Gewinnsteigerungen, die jährlich ersucht werden, nein, ich glaube an die Institution selbst, an die Notwendigkeit von Museen als Tempel der Kultur, als plastische, beständige Erinnerungen an all jene Genies, Außenseiter, Künstler und Künstlerinnen, deren Werke die Zeit überdauern, weil sie von einer Riege schlecht bezahlter Aufsichten vor fremden Händen geschützt werden. Nie scheint es absurder, nie scheint es wichtiger, ein Museum zu bewachen, als in Zeiten des Krieges.

Während eine nahe Nation um ihre Kultur, ihre Identität und Existenz kämpft, wirken hierzulande viele Menschen, auch meine Kollegen und Kolleginnen in den Museumsräumen überfordert und ratlos. Der Kollege beim Haupteingang, der sich ebenso ernsthaft mit den Weltnachrichten wie mit der Goldgräberei beschäftigt, hat in den ersten Kriegswochen erwägt, nach Neuseeland auszuwandern, um dem drohenden Atomschlag auszuweichen; eine andere junge Kollegin fragte mich kürzlich sehr offen und irritiert, warum hier in der Stadt nur teure BMWs und andere Protzkarren mit blaugelbem Kennzeichen zu sehen seien – und ja, genau das ist er, denke ich, das ist der erste Eindruck, der sich in den Köpfen der Leute einnistet, es ist diese vom Krieg zerstörte Wahrnehmung, die nur das eine Prozent sieht, das es sich leisten kann, Autos zu besitzen, die es über die Grenzen schaffen, während ausgebrannte Billigwägen im Kriegsgebiet verrotten; nicht selten mit den zerstörten, ausgebrannten Familien darin.

Das ist die Gefahr, die der Krieg (schon jetzt) über die Grenze trägt, über den heißen Kies, bis ins Palais des Fürsten: nicht zu sehen, was wirklich passiert, weil sich die verzerrten Angstbilder und Irritationen finster über die Augen stülpen und alle fernen Blickwinkel verschließen; denn auch (und vor allem) das Sehen wird vom Krieg zerstört, selbst wenn er nicht direkt erlebt wird. Es ist und war schon immer ein Märchen, dass die Liebe blind macht; das Gegenteil ist der Fall. Krieg macht blind, selbst die Pazifisten. 

Der britische Romancier Julian Barnes hat in einem wunderschönen halben Kapitel einmal treffend festgehalten, dass wir niemals klarer sehen, als wenn wir verliebt sind; die Farben, die Gerüche, unsere Ziele im Leben, alles tritt besonders deutlich hervor. Selbst im Kunstwerk sehe ich aberwitzige Details nur aus einem Grund: weil ich es liebe. Ein seltsamer Irrglaube, zu denken, die Liebe mache blind, im Gegenteil, sie zeigt deutlicher als alles, was mir wirklich wichtig ist und wofür ich morgens aufstehen will.

Zum Museum, zur Goldgräberei, der Barockkunst, zu britischer Belletristik, der Hauskatze oder zum ersparten BMW – zu welchen Wesen und Dingen wir eine Liebe entwickeln, bleibt individuell, unkontrollierbar; aber sie bleibt. Sie ist die letzte Sache, die kein Diktator, kein Krieg zerstören kann. Das klingt vielleicht banal, aber was kümmert das schon, es gibt mir ein wenig Hoffnung in diesen Tagen, Wochen, Monaten, und das muss genügen. Im Übrigen hat der Kollege am Haupteingang von seinen Auswanderungsplänen heute wieder Abstand genommen – vielleicht sieht er die Dinge heute wieder etwas klarer.

Vielleicht hat auch er Julian Barnes gelesen.