Zwei magere Geschwister werden von ihren Eltern im Wald ausgesetzt. Frierend, hungernd, verloren, ohne Hoffnung oder Abendbrot schleppen sich die Kinder – ein Mädchen, ein Junge – durch dunkles Gestrüpp, trauernd, verwirrt, warum die Eltern sie zurückgelassen, sie für immer aufgegeben haben; wie alle Kinder suchen sie die Schuld bei sich, versuchen zu verstehen, wo der Fehler liegt, was sie falsch gemacht hätten und wofür sie bestraft wurden, begreifen schlussendlich, dass sie die Strafe verdient haben mussten. Weil alles andere nur noch unbegreiflicher wäre.
In den Tiefen des Waldes finden sie Zuflucht in einem abgelegenen Heim, bei einer alten, alleinstehenden Frau, die sich ihrer annimmt. Die Frau ist ihre Rettung, sie hat ein Herz für Kinder, schenkt ihnen Obhut, Wärme, Süßigkeiten, alles, was die Geschwister zuhause vermisst hatten. Das neue Heim scheint ihnen wie ein Paradies, die Heimleiterin ein Engel. Sie kommen zu Kraft, werden verwöhnt, überschüttet mit Hingabe, Fürsorge und Mehlspeisen, täglich gibt es Kuchen, Karamell und Kleingebäck, in der Früh und am Abend, bis die Kinder sich die Bäuche halten. Die anfängliche Freude wird ihnen schleichend zu einer stillen Pflicht. Sie beginnen zu verstehen, dass man sogar vom Paradies zu viel haben kann, sie werden übersättigt, träge, bald fett; die bedingungslose Liebe der Alten wird ihnen zur Last, das Kinderheim ein süßes Gefängnis, eine dänische Delikatesse.
Die Frau, die selbst niemals Kinder hatte (sich immer welche wünschte), scheint die beiden zunehmend zu erdrücken; es ist, als wollte sie die Kinder mit ihrem endlosen Liebeshunger aufessen, ihre Zuneigung kennt kein Maß, sie bäckt, sie kocht, sie serviert, sie drängt die Kinder zum Genuss, den sie schon lange nicht mehr spüren. Und die Geschwister verstehen, dass sie die Zurückweisung ihrer Eltern vermissen, den Mangel, die Ignoranz, die brutale Freiheit in der Kälte, sie wollen zurück, trotz allem. Sie beschließen, der Frau nichts zu sagen, wollen sie nicht verletzen, also flüchten die Kinder heimlich, eines Nachts, als die unermüdliche Alte wieder endlos in der Küche werkt, sie schleppen ihre wohlgenährten Leiber mühsam zurück durch die Dunkelheit, sie leiden, sie frieren, sie können nicht anders. Als sie irgendwann zurück auf die Straße, bald in ihr Heimatdorf finden, müssen sie feststellen, dass ihre Eltern nicht mehr da sind – der Fall hat sich schnell herumgesprochen, die Eltern wurden verhaftet, müssen sich bald vor Gericht verantworten.
Keine Sorge, wird den
Kindern gesagt, sie können euch nichts mehr tun, ihr seid jetzt in Sicherheit.
Die Geschwister bekommen ein neues Zuhause, jemand freut sich, für die beiden
zu sorgen, ihnen wird Wärme, Liebe und ganz viel Süßes versprochen. Jemand
fragt, ob sie einen besonderen Wunsch hätten. Und die Kinder antworten, wie aus
einem Mund, sie möchten heute bitte ohne Abendbrot zu Bett gehen.