Mittwoch, 17. Februar 2021

Über das Frieren

In der Welt der Aufsicht gibt es gute, weniger gute, schlechte und unerträgliche Dienste. Zu letzteren zählen die unvermeidlichen Außendienste, die ich in steter Unregelmäßigkeit durchstehe, das Bewachen von Eingängen, Baustellen, Innenhöfen, Außenstellen, die gerade jetzt herhalten müssen, bis die Museen wieder öffnen dürfen. Ich stehe im privaten Windkanal des Auktionshauses, überblicke und regle die Parkordnung, versuche die Anliegen rumänischer Lieferanten zu entschlüsseln, und friere.

Ich stehe im Innenhof und friere, trotz Haube, Winterjacke, drei Paar Socken, ich friere, weil die Februarkälte anzieht, weil die Durchblutung mich wieder im Stich lässt, weil ich schon viel zu lange in der Kälte stehe, ich friere. Und mit dem Frieren werden auch meine Gedanken von Kälte beherrscht, und ich muss an die Tagebücher von Friedrich Hebbel denken, ständig beschreibt er darin, wie es ihn friert, wie er wieder nicht warm wird, wie die nächste Krankheit sein Genie bremst, wie sich Kältedramen im Schreibzimmer abspielen. Und Hebbel ist nicht der Einzige: von Erasmus über Nietzsche bis Kafka – liest man über die Leben und Leiden aller großen Dichter, Denker, Philosophen, muss man glauben, die Geschichte der Literatur sei eine einzige große Geschichte des Frierens.   

Über Erasmus, den Größten aller Humanisten, schrieb Stefan Zweig in seiner Triumph und Tragik: „Unwillkürlich denkt man bei diesem feinen, ein wenig konservenhaft trockenen Mönchsgesicht zunächst an verschlossene Fenster, an Ofenhitze, Bücherstaub, an durchwachte Nächte und durcharbeitete Tage; keine Wärme, keine Kraftströme gehen von diesem kühlen Antlitz aus, und in der Tat, immer friert Erasmus, immer hüllt sich dieses zimmersitzende Männchen in weitärmelige, dicke, pelzverbrämte Gewänder“; doch nicht einmal die helfen ihm, immer braucht er ein Schlückchen Burgunder (der nicht zu bitter sein darf), immer ist er blass, kränklich, überempfindlich, lebt und denkt in ständiger „Untergesundheit“ – und entwickelte die herzerwärmendste geistige Lehre des 16. Jahrhunderts.

Erasmus von Rotterdam war ein Vorzeigefröstler, einer, der sich von Kälte nicht verbittern ließ, obwohl seinen Schreibtagen kaum bis keine körperliche Wärme vergönnt war. Das Frieren in der Natur des Schreibens – denn der Akt des Schreiben beginnt damit, sich hinzusitzen – doch es ist ein freies, ein selbstbestimmtes Frieren, eines, für das man sich bewusst entscheidet, indem man der regen Bewegung das rechte Wort entgegenhält, der Vitalität des Lebens die Kraft der Gedanken. Bei Wind und Wetter muss man sich in sie versenken und auf alles um sich vergessen, selbst auf die Kälte, die einen umweht, den Wind, der durch die Ritzen zieht, die starre Sitzhaltung, die zum Frösteln neigt. Schreiben, das ist zutiefst ungesund, es führt zur durchzitternden Kälte wie ein sturer Außendienst an arktischen Wintertagen, es ist ein Syndrom, eine Anleitung zur Kränklichkeit, die alle großen Dichter und Denker mehr oder minder befolgt haben – doch in selbst ihr liegt auch seine Heilung: Denn ohne das eingehende, ständige Frieren im Sitzen hätten sie alle nie zu den Gedanken gefunden, an denen sich ihr Geist erwärmte. An denen sie mir heute mein Denken erwärmen, während meine Fingerspitzen wieder jedes Leben verlieren.

Die Geschichte des Schreibens ist eine Geschichte des Frierens; es ist ein windig schönes, allzu menschliches Paradox, das sich durch alle schlecht beheizten Schreibstuben der Weltliteratur zieht: Sich auf das Frieren einzulassen, es überhaupt erst zu suchen, um schreibend gegen die Kälte anzukämpfen, sich an den Gedanken zu wärmen, während der Körper erkaltet. Hierin liegt die Tragik, hierin liegt der Triumph. 

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Fantasie und Wissen

Es ist Dezember, zwei Wochen bis Weihnachten. Der Handel hat wieder geöffnet, ich stehe wieder im Auktionshaus, der erste Schnee ist wieder verschwunden. Die Schauräume im ersten Stock sind behangen wie in Petersburg, die frische Wandfarbe verschwindet hinter unzähligen, perfekt ausgeleuchteten Interieurs, starren Winter-, Wald- und Wiesenlandschaften, unbekannten Damen- und Herrenporträts, liebevoll gepinselten Hausdoggen, Rennpferden und Wildschweinen: die Kunst des 19. Jahrhunderts kommt demnächst unter den Hammer.

Ich stehe im hintersten Raum, wir nennen ihn Karl Saal, prüfe, ob jedes Bild am rechten Ort hängt, als ich selbst an einem Gemälde hängenbleibe. Die anderen Werke lassen mich kalt, sind alle gut, aber ohne Geheimnis, doch dieses eine Bild, vor dem ich jetzt stehe, es ist anders, mehr; ich lese den Wandsticker, es stammt von einem Schweizer, Benjamin Vautier, nie gehört. Freudige Erwartung in der Stube hat er es genannt, 1874 datiert. Im Grunde ein typisches Bauernpanorama, eine ländliche Familienaufstellung, hundertmal gesehen – doch nur auf den ersten Blick: In der Stube sammeln sich die Kinder, vier Mäderln, zwei Buben, stehen beim Tisch, neben dem Kamin, und freudig, erwartungsvoll blicken sie nach draußen, durch die geöffnete Tür, die einen hellen und breiten Lichtstrahl ins braunrote Zimmer wirft – doch was die Kinder sehen, worauf sie sich freuen, das sieht man nicht; das Ziel ihrer geheimnisvollen Erwartung hat uns der Künstler bewusst vorenthalten. Alle Augen sind auf ein unsichtbares Außerhalb gerichtet, nur die alte Großmutter sitzt abseits des Lichts, sitzt dunkel am Kamin, und blickt in die andere Richtung. Warum dreht sie den Kopf nicht? Und worauf warten, worauf freuen sich die lächelnden Kinder bloß?

Vielleicht sind es die Eltern, die im Bild fehlen, die endlich nach Hause kommen; naheliegend. Aber vielleicht erzählt Vautier auch noch viel mehr: Die Kinder blicken allesamt nach vorne, sie sehen gespannt in die Zukunft, in all das Leben, das noch auf sie wartet, und sie freuen sich, freuen sich unendlich auf die helle Verheißung des Wenn ich groß bin, während das Großmütterchen sich am Kaminfeuer wärmt und gelassen zurückblickt – ihr Blick ins Leben schaut nicht in die Zukunft, sondern in die Gegenrichtung; sie hat bereits alles gelebt, kann jetzt entspannt in die Erinnerung schauen, ohne sich den Hals zu verrenken. Welches Bild hätte die Dualität von Jugend und Alter jemals besser beleuchtet als dieses vergessene Auktionsschnäppchen? 

In der Mittagspause sitze ich mit einem Kollegen in unserer eigenen Stube, dem winzigen Pausenraum, in dem es zu dritt schon zu eng wird. Doch in diesem Moment ist niemand hier, außer uns beiden, eine eigenartige Ruhe erfüllt den Raum, in dem sonst immer Hektik und Bewegung und gute Laune herrscht, und mein Kollege erzählt mir aus seinem Leben. Erklärt mir, er habe heute viel mehr Fantasie als noch als Kind. Weil ihm als Kind das Wissen gefehlt hat. Und Fantasie, sagt er, kann sich erst richtig entfalten, wenn man viel weiß. Je mehr Wissen man besitzt, desto endloser werden erst die Möglichkeiten, es zu verwenden.

Nach der Pause blicke ich wieder auf die Freudige Erwartung. Vielleicht ist es genau das, denke ich, vielleicht freuen sich die Kinder unbewusst auf all das Wissen, das sie noch erlangen werden, um damit ihrer Fantasie keine Grenzen mehr zu setzen. Sie freuen sich nicht bloß auf die Zukunft, die entgegenstrahlt, sie freuen sich auf das, was die Alte am Kamin bereits innehat: die Jahre, das Älterwerden. Sie fliehen nicht vor dem Alter, sie blicken ihm mutig, freudig, angstfrei entgegen. Weil sie noch nicht wissen, was sie erwartet.

Nach vorne schauen, das heißt auch immer: dem Tod ins Auge schauen. Und diese Konfrontation, das wusste Benjamin Vautier, sie übersteigt den Rahmen; sie wartet außerhalb des Bildes – in der Fantasie.

Freitag, 4. Dezember 2020

Der Koala

Er geht als Erster zu Bett und steht als Letzter auf. Er schläft zwölf, achtzehn, bald zwanzig Stunden am Stück, er verbringt mehr Zeit im Bett als in der Welt. Seine Welt ist das Bett, sein Himmel die Decke, der Schlafpolster ein Wölkchen; kein Wecker, kein Alarm, kein Krach, kein Sonnenschein kann ihn wecken; er schläft in die Tage, seit er ein Kind ist, er schläft besser als du und ich, weil er es ein Leben lang geübt hat, weil er nicht aufhört, auszuschlafen. Er ist ein Meister seines Fachs, und sein Fach ist der süße Schlummer, der tiefe Traum, die Genügsamkeit des Liegenbleibens. 

„Schlaf“, schreibt Hebbel, „ist genossener Tod“, und niemand versteht diesen Satz besser als er – er kennt alle Arten von Schlaf, hat sie alle verinnerlicht, und wenn er stirbt, dann kann ihn selbst der Todesschlaf nicht überrumpeln. Zu viel, zu sehr hat er zuvor genossen, um Angst vor dem ewigen, großen Schlaf zu haben. Zwanzig Stunden im Bett, in der Traumlandschaft, jeden Tag – das ist, das kann nicht notwendig sein, auf keinen Fall; das ist eine Entscheidung. Seine Entscheidung. Was lässt sich da noch erledigen? Was lässt sich erreichen? Er muss nichts erreichen. Er hat seine Bedürfnisse in den Traum gelagert, er braucht nichts, vermisst nichts, er wacht nur noch auf, um sich auf den nächsten Schlaf zu freuen; und das genügt ihm. Er schläft, um zu schlafen, schläft, um zu träumen. Weil er weiß, dass man schlafen muss, um zu träumen. Träumer, Schläfer, Faulenzer, nennt man ihn. Du bist wie ein Koala, wird ihm gesagt. Du verschläfst dein Leben, wirft man ihm vor. – Ich lebe den Schlaf, erwidert er. Und legt sich wieder hin.

Donnerstag, 12. November 2020

Sonntag, 8. November 2020

Fünf vor Sechs

Jeder, der jemals in Aufsicht oder Handel gewerkt hat, kennt ihn: den Typ Mensch, der immer fünf Minuten vor der Schließung kommt, der nur noch kurz einen Blick riskieren möchte, der sich dreimal sagen lässt „Wir schließen jetzt“, bevor er sich, höchst widerwillig, zum Ausgang bewegt, und dabei immer, immer, noch einmal stehenbleibt, um sich nur noch kurz dieses eine Bild anzusehen, nur noch ein Foto zu schießen, ganz schnell, natürlich, und vielleicht noch ein Blick auf die Uhr: Sie schließen doch erst in einer Minute. 

Letzten Samstag, im Auktionshaus: eine Dame kommt in die Schaustellung, die Zwischentüren schließen bereits. Sie fragt nach einem Künstler, nie gehört, ich verweise sie an den Katalog im Netz, leider, wir schließen schon. Ob sie nicht noch eine Runde gehen dürfe, sagt sie hartnäckig, sie wäre schließlich viel zu lange bei dem Schmuck hängengeblieben, der sie ja gar nicht interessiere. „Tut uns leid, wir schließen.“ Und ob bei den Möbelstücken nicht etwas Asiatisches dabei ist, fragt sie weiter, schielt an mir vorbei in die Ausstellung, ob sie nicht noch einen Blick riskieren könne. Ich bin versucht, mit ihr zu diskutieren, schließlich retten mich meine Kollegen: „Wir haben schon zu. Kommen Sie Montag wieder.“ Die Worte fallen wie die Tür ins Schloss, die Dame wendet sich wortlos ab, eine Beschwerde ist zu erwarten; ihr Menschentypus liebt Beschwerden.

Immer und immer wieder stoße ich auf diesen Typus, auf diese Damen und Herren, die das Prinzip der Öffnungszeiten nicht verstehen oder akzeptieren wollen, weil sie einfach nicht verstehen oder akzeptieren können, dass man für sie keine Ausnahmen macht. Es müssen Menschen sein, denke ich, die selbst nie an unserer Stelle waren, die niemals in ähnlicher Position gearbeitet haben wie eine Aufsicht; die Worte „Wir schließen jetzt“ empfinden sie als eine Art persönliche Anfeindung, eine Beleidigung, die speziell und ausschließlich gegen sie gerichtet ist, und sie können nicht nachvollziehen, können einfach nicht begreifen, warum wir nach acht Stunden in den schwarzen, durchgeschwitzten Dienstschuhen nicht noch ein paar Minuten für sie dranhängen. Weil sie nie in unseren Schuhen gestanden sind.

Es ist der Mangel an Erfahrung, der zu einem Mangel an Respekt führt. Nicht zu wissen, wie es ist, nach einem langen, ausgestandenen Tag nach Hause zu wollen, in der letzten Stunde schon jede Minute zu zählen, weil die Kniescheiben knirschen, der Magen knurrt, die Unfähigkeit, sich in eine Aufsicht hineinzuversetzen, die mit allerletzter Freundlichkeit zum Ausgang bittet, sie ist das Kennzeichen aller, die um fünf vor Sechs noch einmal durch die Ausstellung wollen, die alles immer in letzter Minute wollen; nur nicht gehen. Hätten diese Menschen nur einen einzigen ganzen Tag im Museum, im Schauraum, im Dienstanzug verbringen müssen, dann wären sie bereits ein anderer. Dann würden sie vielleicht verstehen (respektieren), dass vor den finalen Minuten viele Stunden standen, dass keine unnötige Strenge, kein persönlicher Affront in den Worten „Wir schließen“ steckt, und vielleicht, vielleicht würden sie dann in Zukunft sogar rechtzeitig kommen, um fünf Minuten vor der Zeit zu gehen. Von selbst. Aus Respekt.

Natürlich, die Hoffnung darauf ist gering. Was bleibt, ist die Möglichkeit, an ihrem Beispiel mich selbst zu prüfen: es ihnen nicht gleichzutun, wann immer ich privat durch Museumsräume, Buchhandlungen, Supermarktregale streife. Aus Respekt vor denen, die den Laden am Laufen halten, bis zum Schluss. Nicht länger.

Mittwoch, 4. November 2020

Wegen Renoir

Ich bin wieder hier; weil sonst alles schließt, weil selbst im Fürstenschloss keine Arbeit auf mich wartet, stehe ich wieder hier, wo ich schon im Winter vor zwei Jahren stand: im führenden Auktionshaus der Stadt. Es ist, wie jede Ausstellung, eine geschützte, zweite Welt, parallel zum Draußen, und doch ist vieles anders, vieles lockerer als im Museum, muss ich mich als Aufsicht wieder umstellen und die Reflexe unterdrücken: Rucksäcke, Schirme, Telefone? Alles unerheblich. Abstände? Völlig nebensächlich. Sämtliche Gemälde, Teppiche, Möbel und Skulpturen sind hier nicht schüchtern, verschämt, sie verstecken sich nicht hinter Abgrenzungen, sie hören keinen Alarm, sie wollen beschaut und berührt werden, geprüft, gewogen, liebgewonnen, bevor sie im Auktionssaal den Besitzer wechseln. Die Kundenfreiheit in der Vorbesichtigung ist die Grundvoraussetzung des Auktionshauses. Und seine Schwachstelle.

Es geschah wenige Tage, bevor ich das erste Mal hier stand, im November vor zwei Jahren; drei Männer gingen zielgerichtet in den ersten Stock des Hauses und betraten die Schaustellung. Neunzig Sekunden später waren sie verschwunden – und ein Renoir mit ihnen. Ich erinnere mich, erinnere mich deutlich an meine junge Kollegin (geflochtenes Haar, unfassbar freundlich), die an jenem Tag die Aufsicht hatte. Sie stand am anderen Ende des Raums, konnte die Aktion nicht sehen, nur hören, wie einer der Männer das Bild von der Wand nahm, es aus dem Rahmen drückte, in die Einkaufstasche, die der zweite aufhielt (wie die Kameras später zeigten), ehe sich alle drei im Treppenhaus verstreuten. Die junge Kollegin hat es mir erzählt, in jedem Detail, sie hat alles richtig gemacht, sofort den Alarmknopf gedrückt, die Täter waren dennoch schneller. Sie kannten alle Ausgänge, waren schon verschwunden, als die Sirenen eintrafen.

Zwei Wochen später wurde einer der Männer in Amsterdam gefasst, von dem Bild fehlt bis heute jede Spur. Finanziell hielt sich der Verlust wohl in Grenzen – die blasse Küstenlandschaft war kein Hauptwerk Renoirs, und wofür hat man auch Versicherungen – schlimmer war der Imageschaden für das Haus: Kein Tag in den folgenden Wochen, an dem nicht jemand über den Verlust scherzte, hohnlachend nachfragte (hätte ich damals schon eine Höhnerkeule gehabt), die Berichterstattung tat ihr übriges; am allerschlimmsten aber war das Wissen um meine junge, freundliche Kollegin: Sie wurde noch am Tag des Diebstahls von der Polizei verhört, musste alles noch einmal durchleben, und obwohl sie keine Schuld traf, sie gar keine Schuld haben konnte, wusste ich, dass sie sich Vorwürfe machte; nicht, weil ich mich anmaßte, es zu erraten – ich wusste es, weil sie es mir sagte: In diesem furchtbar traurigen, gnadenlos neutralen Erzählton, der so viel stärker, ehrlicher ist als jedes ausgestellte Wort, mit dieser zurückgenommenen Stimme hat sie mir alles mitgeteilt, so selbstverständlich, als kannten wir einander schon seit Jahren. Sehr schwierig war das alles, sehr viel auf einmal, sagt sie, denn erst am Tag davor hat ihr Freund Schluss gemacht. Und sie fügt an, freundlich wie immer: „Das ist einfach nicht meine Woche.“

Als ich heute wieder hier stehe, in den Schaustellungen des ersten Stockes, sehe ich nur bekannte Gesichter, alle Aufsichten von damals erkenne ich wieder – nur eine fehlt. Später frage ich nach der jungen Kollegin mit den geflochtenen Haaren. Ja, heißt es, die ist noch hier, arbeitet jetzt aber in einer anderen Abteilung. Ich hoffe, nicht wegen Renoir. 

Mittwoch, 28. Oktober 2020

Gedanken am Feiertag

Es ist der letzte Montag im Oktober, es ist Nationalfeiertag. Normalerweise mag ich Feiertage, denn das bedeutet: doppeltes Gehalt. Doch heute gibt es keinen Dienst, überhaupt gibt es kaum noch Dienste in diesem Jahr, und ich kann oder darf den 26. Oktober ohne Arbeit, ohne Gehalt begehen.

Das Wetter drängt nach draußen, ich spaziere über die Straße, die man Balkanmeile nennt, und bei der Straßenbahnstation halte ich an, bleibe mit meinem Blick am serbischen Grill hängen: ein winziges Wirtshaus, dass schon seit Monaten geschlossen hat (laut verschmierter A4-Notiz wegen Renovierung). Ich blicke auf die ausgeblichenen, wenig einladenden Essensbilder an der bröckelnden Fassade, Serviervorschlag heißt das auf den Supermarktprodukten immer, doch es sind keine guten Vorschläge, die ich hier betrachte, es braucht einiges an Toleranz, Fantasie und Vorwissen, um die Bilder ihren kunstvollen Titeln zuzuordnen: „Grill Plahe“ steht unter einem, „Grill Wörsten“ unter dem anderen, und im rechten, unteren Eck, da gibt es sogar „Höhnerkeulen“.

Und einmal entdeckt, schlägt der falsche Buchstabe sofort in Poesie um: Ich stelle mir vor, es gibt einen Laden, in dem Höhnerkeulen verkauft werden; also Keulen, mit denen man sich gegen Höhner und Höhnerinnen verteidigen kann, neben der Spottschleuder das beliebteste Produkt im Laden. „Wer höhnt, wird gekeult“, so würde damit geworben werden, und es wäre staatlich akzeptiert, ja sogar empfohlen, sich für den privaten Gebrauch eine Höhnerkeule zuzulegen, am besten eine kleine, kompakte für den Rucksack oder die Handtasche, um sich gegen alle möglichen höhnischen Bemerkungen am Arbeitsweg, in den Öffentlichen zu wappnen, die Höhnenden auch unterwegs in die Flucht schlagen zu können, weil man es sich nicht länger gefallen lassen würde, weil es endlich Allgemeinwissen wäre, dass Worte genauso verletzten wie Hiebe, und jedes Spotten und Höhnen würde damit endlich eingedämmt werden, weil es sich die Höhnischen in Zukunft zweimal überlegten, ob sie einem Menschen hohnlachend begegneten, der eine Höhnerkeule bei sich führte, bereit, sich zu verteidigen.

So wundervolle, sinnlose Gedanken strömen mir durch den Kopf, an diesem sonnigen Feiertag, ausgelöst von einem simplen Buchstabenfehler, einer latenten, poetischen, so leicht zu übersehenden Ungereimtheit, die mir den freien Tag auch ohne Gehalt zu einem Gewinn macht. Jahrelang bin ich an diesem Laden vorbeigegangen, doch erst heute habe ich mir eine Höhnerkeule zugelegt. Vielleicht (sehr wahrscheinlich) werde ich sie nie verwenden; doch es tut gut, sie bei sich zu wissen.