Ich erinnere mich an das Pausengespräch mit einer Reinigungskraft, die den nahenden Urlaub beklagte; sie sei dann wieder dem Mann verpflichtet, mit häuslichen Aufgaben überhäuft. Die Arbeit, das Museum war ihr zum Fluchtpunkt geworden, der tägliche Lohndienst ein rettender Ausgleich: Ihre Arbeit war der eigentliche Urlaub für sie, während die Urlaubswochen familiäre Anspannung, Stress, Ausgeliefertsein bedeuteten. Vielleicht war das auch übertrieben (sie übertreibt gerne und gut), aber es bestätigt ein Dilemma, das wir nicht loswerden, mit dem sich die Erwachsenen seit einem halben Jahrhundert plagen: Wie urlaube ich richtig?
Die Dualität von Arbeit und Urlaub ist komplex – ohne Arbeit ist Urlaub obsolet, doch Urlaub bedeutet nicht gleich das Gegenteil von Arbeit; viel öfter ist es Arbeit mit anderen Mitteln. Susan Sontag erkennt in ihrem Standardwerk On Photography, dass vor allem die emsigen Deutschen, Japaner und Amerikaner durch das Medium der Kamera eine Möglichkeit erhalten, ihre angelernte Angst vor Beschäftigungslosigkeit im Urlaub zu behandeln: die fotografische Dokumentation des Urlaubs (auch wenn die Bilder nie mehr angesehen werden) wird zum gewissenhaften Selbstzeugnis, selbst im Urlaub produktiv gewesen zu sein. Weil ihnen nichts schwerer fällt als das Nichtstun. Wieso eigentlich?
Die biblischen Ursprünge des Menschen sind nicht von Arbeit, sondern von Urlaub geprägt. Am Anfang waren die Ferien. Im Paradies gab es nichts zu tun, es herrschte endlose Auszeit, Idylle ohne Pause. Es fällt schwer, mir Adam und Eva als glückliche Menschen vorzustellen, ehe sie aus dem Paradies vertrieben werden. Es kann kein Glück geben ohne Bewusstsein für das Glück; Glücklichsein heißt auch, sich für das Glück zu entscheiden. Doch ohne jede Aufgabe erschöpft sich noch das größte Glück, weshalb endloses Nichtstun kein utopischer Gedanke sein kann, sondern ein albtraumhaftes Szenario bleiben muss, ein Bild der Unruhe.
Gezieltes, zeitlich beschränktes (sprich: gesuchtes) Nichtstun dagegen ist unabdingbar, um der Beschäftigung, die sie unterbricht, ihre Bedeutung zu verleihen. Das gefühlte, gebündelte Nichtstun also selbst aus einem noch so kurzen, notwendigen Urlaub zu verdrängen, indem die Kamera permanent arbeitet, oder wie Sontag schreibt, „a friendly imitation of work“ zu verfolgen, minimiert somit die eigentliche Erfahrung, da sie die Unterschiede aufhebt – bis sich im Extrem die gleiche Erschöpfung wie am Arbeitsplatz einstellt und wir schließlich brauchen, was das Deichkind besingt: Urlaub vom Urlaub. Die unendliche Geschäftigkeit asiatischer Touristengruppen im Museumsschloss, ihr pflichtbewusstes Ablichten und Abarbeiten der Eindrücke erinnert mich immer an diese Parole, die Sehnsucht, der Urlaub möge endlich vorbeigehen, um sich von ihm erholen zu können; wäre dafür nur Zeit. „Einfach nur Nichtstun“, das ist ein Wunschtraum, flüchtig und fern. Im Wachen muss das Nichtstun gelernt werden (wie alles), um die Zeit dazwischen bewusster zu erfahren: erst wenn ich im Nichtstun gut bin, kann ich im Tun besser werden.
Durchaus verblüffend, dass ausgerechnet das fernöstliche Urlaubsmodell heute von so unnachgiebiger Betriebsamkeit geprägt ist, von einer abgehetzten Familienarbeit, der Speicherung des Sehenswerten, dessen Wert gar nicht gesehen werden kann, weil zu viele Termine den freien Tag vorgeben. Verblüffend, weil – wie Susan Sontag aufzeigt – gerade eine Theorie aus China besagt, dass der Weg zur Faszination nur über die Langeweile führt. Das Nichtstun ist demnach Bedingung, um sich überhaupt für den Zustand des Fasziniert-Seins zu öffnen. Anders gesagt: ohne leere Stunden kann ich gar nicht wissen, womit ich sie füllen möchte. Dieser Frage zu entgehen, sie nie zu thematisieren, überhaupt zuzulassen, das führt jede Form von Urlaub ad absurdum – wenn ich mir nur von Reiseführern und Netzgespenstern vorgeben lasse, was mich faszinieren soll, anstatt im Nichtstun zur Faszination zu finden, werde ich auch nie zu der Person hinter der Kamera gelangen; zu mir selbst.