Es heißt, der norwegische Schriftsteller Thomas Espedal zieht jeden Morgen Anzug und Krawatte an, bevor er sich an den Schreibtisch setzt; keine Ahnung, ob es stimmt, doch es ist ein schöner Gedanke, den Schreibprozess täglich zu feiern, sich schick rauszuputzen, den feinen Zwirn zur Arbeitskleidung zu machen, um die Arbeit selbst zur zwingend feinen Angelegenheit zu stilisieren. Zwar entsteht nicht selten in Unterhosen, in Nachthemd, im Bett (Patricia Highsmiths Büro) große Literatur, doch das bewusste Anlegen des Feiergewands hebt die Schriftstellerei selbst auf eine größere Bühne, verleiht ihr sofort Gewicht: der Anzug ein Kostüm, der Schriftsteller eine Rolle, das Wort der Auftrag, der wundervolle.
Natürlich spielt jeder Mensch da und dort und überall eine Rolle, doch unser Kostüm macht sie oft erst sichtbar: mein Dienstanzug stellt mich als den Aufseher aus, der hinter seiner Uniform zu verschwinden sucht; und doch verschmelze ich nie mit meiner Rolle, bin immer noch sichtbar in den kleinen Gesten, die ich nicht verstellen kann, der Art und Weise, wie ich mir die Krawatte binde, meine Beine bewege, mich unter der Uhr kratze. Wenn sich Espedal im selbstgewählten Dienstanzug zum Schreiben setzt, erzählt das mehr über den Menschen, als über den Schriftsteller Espedal – der Anzug offenbart den Autor darunter. Denn es stimmt nicht, hat nie gestimmt: Kleider machen keine Leute, im Gegenteil: sie verweisen auf den nackten Kern, stellen den Charakter aus. Man kann sich hinter einem Kostüm verstecken, aber nicht hinter einer Haltung. Wie ich den Dienstanzug trage, zeigt mir, wer ich bin (wer ich sein möchte). Die Auslegung meiner Kleider, ihre Definition, die Überzeugung, mit der ich sie trage, erzählt immer eine Geschichte des Trägers.
In der Sonderausstellung im Fürstenpalais ist es jedes Jahr dasselbe, die ewige Wiederkehr in der Jackendiskussion, die so weit geht, dass selbst die Gewissheit, was eine Jacke ist, sich irgendwann auflöst, bald jeden Faden verliert. Dieses Jahr hat uns die Firma nachgeschult, uns zwingend eingeprägt, im Gästeumgang nicht von „Jacken“ zu sprechen, stattdessen das neutralere Wort „Oberbekleidung“ zu verwenden. Die Sprache des Museums ist eine Kafkaeske, es liegt ein zutiefst bürokratisches Element in ihr, gepaart mit einem Humor, der bei Kafka oft vernachlässigt wird.
An einem der letzten Tage in der Sonderausstellung (es ist Anfang April) halte ich ein älteres Pärchen am Eingang auf, bitte den Mann, seine Oberbekleidung abzugeben (ich sage irrtümlich „Jacke“, bereue es sofort). Das sei gar keine Lederjacke, erklärt er, das sei sein Rock. Und sofort folgt die Übertreibung, die Nachfrage, ob er sich nackt ausziehen solle, dann die Beteuerung, in dreiundachtzig Jahren wäre ihm so eine absurde Vorschrift noch nie untergekommen, hätte er seinen „Rock“ noch nie abgeben müssen, und er werde es auch heute nicht tun. Er will die Rolle durchhalten, sich nicht von dem Kostüm trennen, wie so viele vor ihm. Schließlich kommt mir seine Gattin zu Hilfe, unverhofft drängt sie ihn mit sanfter Nachsicht „über seinen Schatten zu springen“, wie sie es nennt, und tatsächlich – widerwillig, aber doch – er hört auf sie.
Und während der Mann missmutig zur Garderobe schlurft, um seinen „Rock“ (seine Rolle) abzugeben, lehnt sich seine Gattin im Vertrauen zu mir. „Er war früher Oberst“, sagt sie trocken, „ich leide auch darunter.“