Im Museum muss man auf alles vorbereitet sein – jemand hat mir das mal
gesagt, so ein Unsinn. Ich bin nie auf alles vorbereitet, kann es gar nicht
sein, und selbst wenn ich es wäre, könnte ich im Moment nie so reagieren wie in
der Vorbereitung, weil die Realität sich nicht an meine Vorstellungen hält. Jede
Not, jede Tragödie, alle guten Geschichten entstehen überhaupt nur, weil
etwas passiert, auf dass jemand nicht vorbereitet war.
Es ist ein Freitag, an dem ich eine weitere Führung durch die
Fürstensammlung begleite, eine Routinearbeit, dutzende Male durchgegangen, ohne
Zwischenfälle, immer mit der militärischen Meldung: Keine besonderen
Vorkommnisse. Die Gruppe heute umfasst fünfundzwanzig Gäste, die
Kunstvermittlerin geht voran, ich bilde das Schlusslicht, halte die Gruppe
zusammen, wie immer, passe auf, dass in den privaten Prunkräumen jeder und jede
auf dem roten Teppich bleibt, der über drei Millimeter dünnem, unbezahlbaren
Thonetparkett verlegt ist. Er ist schmal, der Teppichpfad, zieht die Gruppe in
die Länge, macht es mir schwer bis unmöglich, alle im Auge zu behalten. Zu
viele Menschen auf zu wenig Raum, das gewohnte Bild. Doch an diesem Tag stimmt
etwas nicht mit diesem Bild, mischt sich plötzlich ein Fehler ein, auf den mich
nichts, niemand vorbereitet hat.
Ich verlagere meinen Stand auf die Schuhspitzen und überblicke die Köpfe
vor mir. Auf einmal löst sich ein Kopf aus der Masse, verlässt die Gruppe und
bewegt sich in den nächsten Raum, das fürstliche Schreibzimmer, bewegt sich
wankend, aber zielgerichtet auf den eschenbraunen Schrank zu, bleibt nicht
stehen, wird schneller, schneller, ein Krach, ein Aufprall, ich stehe hilflos
hinter den Körpern, der Blick versperrt von der Gruppe, ich bin zu spät, wie
immer.
Sekunden später, die Gruppe aufgelöst, zerstreut, im Schreibzimmer liegt
eine Frau, die Brille völlig verbogen, wie in einem Comic, ich blicke zum Schrank
– im Eschenbraun der Zierleiste ein Kratzer auf Augenhöhe, ein Kratzer in einem
der wertvollsten Bücherschränke des Planeten, die Frau am Boden umringt, wir
helfen ihr auf, sechs Hände lagern sie, ihre Beine sinken wieder ein, sie
bleibt am Boden sitzen. Über Funk fordere ich den Portier an, bücke mich
hinunter zu der Benommenen, da hält mich die Kunstvermittlerin an, völlig aufgelöst,
überfordert. „Jetzt haben wir noch ein Problem“, sagt sie, und hat nichts
verstanden, „einer der Gäste ist ohne Aufsicht auf Toilette gelaufen!“
Manchmal, denke ich, selten, aber doch, verhält sich das Leben wie in
einer von Daniil Charms skurrilen kurzen Fall-Geschichten. Das Groteske,
Wahnwitzige tritt dann ganz selbstverständlich in den Alltag und konfrontiert
mich mit einer akuten absurden Situation, auf die ich nicht vorbereitet bin, es
nicht sein kann, weil sie aus dem Bühnendunkel springt, ohne auf ihren Einsatz
zu warten. Selten, aber doch, lässt sich ein Zwischenfall dann so beschreiben,
als hätte Daniil Charms ihn geschrieben: „Da ging einmal eine Gruppe Kunstinteressierter
durch ein Museum. Plötzlich nahm eine Alte ihre Beine in die Hand und rannte –
zack! – mit den Brillengläsern gegen einen Schrank. ‚Verrückte Brille!’ dachte Semjulkov
und lief augenblicklich auf Toilette.“
Selten, aber doch, wirft mich etwas völlig abrupt aus meiner Routine
oder meinen Gedanken und mitten in die Überforderung eines traumartigen Falls,
der normalerweise nicht eintritt. Der
Portier hat die Dame schließlich abgeholt, an die frische Luft gebracht, ihr ein Glas Wasser gegebene, sie
erholte sich rasch, ihre Brille blieb schief. Der Herr
von der Toilette kam brav wieder zurück. Der Kratzer am Schrank wurde gemeldet
und notiert. Die Führung beendet, die Prunkräume geschlossen, mein Dienst
getan.
Das alles geschah vor zehn Monaten. Der Kratzer ist noch da; und ich
denke immer noch an diesen einen Moment, als sich die Frau von der Gruppe löst
und geradeaus gegen den Schrank läuft, immer noch erscheint mir dieser Moment,
dieser avantgardistische Zwischenfall vor Augen, wenn ich die nächste Freitagsführung
durch das Schreibzimmer begleite. Bis heute versuche ich zu begreifen, warum
sie es getan hat, denke darüber nach, wie ein Schwächeanfall, eine
Beklommenheit einen Menschen dazu führt, mit schnellen, immer schnelleren Schritten – zack! – gegen starres Mahagoni zu
rennen.
Es gibt keine befriedigende Antwort darauf; nur die
Sicherheit, dass so ein Zwischenfall wieder eintreffen wird, weil das
Unwahrscheinliche, Groteske, der absurde Fall, auf den dich niemand vorbereiten
kann, im Leben einfach vorkommt. Selten, aber er kommt vor.