Donnerstag, 15. Oktober 2026

Das Prinzip Gewohnheit

Immer wieder überrascht mich die Prinzipientreue, nach der manche Menschen leben; ihr Alltag folgt strengen Regeln, die sie sich selbst auferlegen, ohne jeden äußeren Zwang oder sichtbare Notwendigkeit – das Prinzip kommt von innen, aus ihnen selbst, und nicht selten tragen sie es mit offenem Stolz vor sich her. Ich erinnere mich an einen Kollegen in der Aufsicht (ich sah ihn nur ein einziges Mal, im Touristenschloss zur Weihnachtszeit), ein kräftiger blonder Hüne, rotstichige, hellflaumige Wangen, die Enden seiner Tattoos aus dem Dienstkragen flüchtend, er kam nach dem Abi aus Saarbrücken hierher, vom schlechten Notenschnitt geleitet, erzählt er mir, während wir zu zweit die Stoßrichtung der Herde regeln.

Was seinen Körper betrifft, hatte der Blonde besondere Angewohnheiten, man könnte sagen: felsenfeste Prinzipien. Jeden Abend ins Fitnessstudio, sechzig Kilo auf der Bank, selbst nach neun Stunden Museum. Noch strenger sein Ernährungsplan: er frühstückt nicht, isst selten etwas nach sechzehn Uhr – sein Zeitfenster für Essen schien so begrenzt, dass er sich mit einer Mahlzeit am Tag begnügte; weil es sein Prinzip verlangte. Doch einmal die Woche, da wirft er alle selbstgemachten Regeln vollständig über Bord, kauft nach der Arbeit für zwanzig Euro bei McDonald’s ein und holt sich eine Flasche Gin, die er allein in seiner Bude leert; noch der Exzess hat bei ihm Methode, und der Tag, an dem wir nebeneinander standen, war einer von seinen zügellosen Fritten-und-Flaschen-Abenden. Und selbst in dieser Ausnahme, dem regelmäßigen Regelbruch, schien bei ihm Zwang durch, zugleich eine Vorfreude, ein kindliches Verlangen, das seine Prinzipien erst ermöglicht hatten: wer sich keine Regeln stellt, kann sie auch nicht brechen.

Wo aber liegt die Grenze zwischen Prinzipientreue und bloßer Gewohnheit? Vielleicht ist es die bewusste Entscheidung, die das eine vom anderen trennt; der Wille zum Zwang gegenüber dem passiven Verlangen; die gesetzte Regel gegenüber der angewöhnten Geste. Man kann für ein Prinzip leben (egal wie absurd es scheint), aber man kann sich nur gegen eine Gewohnheit entscheiden. Ein anderer Kollege, einer meiner treuen Gefährten, die in wundersamer Unregelmäßigkeit immer wieder auftauchen, erkundigte sich im letzten Dienst nach meinem Schreiben, und sagte dann, völlig abrupt, er müsse mir noch eine Geschichte erzählen: Kürzlich hatte er Blut gehustet, nicht bloß ein paar Tropfen, sondern einen ganzen Schwall, eine Blutfontäne, und sofort sein Gedanke: Lungenkrebs. Er kauft einen Luftbefeuchter, geht zum Arzt, erhält schließlich die Entwarnung; in seiner Nasenhöhle befand sich eine entzündete Verkrustung, die aufgebrochen war und das ausfließende Blut in den Mund schoss – ausgelöst durch angewöhntes, tiefes Nasenbohren.

Prinzipien und Gewohnheiten definieren uns. Hätte sich der blutspuckende Kollege in einer anderen Gewohnheit verloren, hätte nicht den Finger in die Nase, sondern die Zigarette zwischen die Finger gesteckt, dann wäre die Angstdiagnose vielleicht real gewesen – so hat ihn die harmlosere (und weitaus verpöntere) Angewohnheit wachgerüttelt, womöglich ein neues Prinzip in ihm ausgelöst, eine bewusste Regel aufgestellt. Mitte Fünfzig ist der Kollege, er wirkt weitaus jünger, wenn er den Mund aufmacht, doch Jung und Alt sind Begriffe, die ohnehin nur in Relation wirken – auch das weiß der Kollege zu erzählen, und das ist die eigentliche Gewohnheit (das Prinzip?), die ihn definiert: nicht der Finger in der Nase, sondern sein ausgespieltes Talent, jederzeit etwas Interessantes, vollkommen Unvorhersehbares zu erzählen.

Nach diesem Prinzip möchte ich eines Tages schreiben können – und mich nie daran gewöhnen.