Einer meiner besten Freunde ist Franzose, heißt Joseph Joubert und lebte vor zweihundertfünfzig Jahren. Er hat sein Leben lang geschrieben, aber nie eine Zeile veröffentlicht; bis heute scheint er unbekannt, doch unvergessen. „Weder Dichter noch Romancier, weder Philosoph noch Essayist, war Joubert ein Literat ohne Gattungszugehörigkeit“, fasst ihn Paul Auster zusammen. Mit Austers Romanen hatte ich nie Glück, doch ihm gilt mein größter Dank, dass er sich vehement für die Entdeckung Jouberts eingesetzt, ihn international bekannt gemacht hat; Joubert heute zu lesen, das ist so, als würde man sich selbst ein kleines Geschenk machen, erwartungsfrei einen Glückskeks öffnen, der immer benennt, was man gerade braucht. Joubert lesen heißt leben lernen.
Joseph Joubert war ein Meister der Notiz, der kleinen Entdeckung, die sich selbst genügt; da er für kein Publikum schrieb, musste er niemandem entsprechen – er genoss die Freiheit, die in der privaten Aufzeichnung liegt, er gefiel sich im Wissen, nicht vom Schreiben leben zu müssen (nicht davon leben zu wollen), er hat niemals nichts geschrieben, aber auf keinen Fall zu viel. Bewunderer hatte er dennoch (vielleicht deswegen) schon zu Lebzeiten, Fontanes und Chateaubriand wollten ein Buch von ihm, doch Joubert blieb konsequent, faul, stur. Da ist ein jugendlicher Trotz in seinen kleinen Weisheiten, die sie mir so ungemein vertraut machen, so unverschämt zeitlos. Andere Autoren plagen sich mit jedem Werk aufs Neue, verschreiben sich Jahr um Jahr dem nächsten großen Ding, schaffen Romane von megalomanischen Ausmaßen, und dann setzt sich dieser Joseph an das Pult und schreibt in seinen Aufzeichnungen lapidar, absolut: „Die Notiz ist besser als das Buch.“
Warum berührt mich dieser Satz? Wieso fühlt er sich so ungeheuerlich an? Ist es nicht anmaßend, übertrieben, bestenfalls kindisch, so etwas zu behaupten? Immer wieder komme ich zurück auf das Gespräch mit ihm, befrage ihn wieder und wieder, und glaube, ihn heute besser zu verstehen als je zuvor. In Träumen wollte ich einmal einen Roman schreiben, der nur aus Notizen besteht – es liegt etwas genuin Humanes in der Notiz, etwas Allzumenschliches, gerade heute, in diesen Tagen, die morgen schon überholt sein werden, weil das Tempo der Maschinen weiter anzieht. Die Präsenz der KI drängt unvermeidlich zur Neuaufstellung, der aktiven Reflexion, was den Menschen von ihr unterscheidet, mich abhebt von der Maschine, die bald alles kann (und es bald besser kann). KI kommt von Können – die Kunst dagegen beweist sich erst im Scheitern, im ständigen Ausloten des Nichtkönnens, des Nichtverstehens, des Nochnicht… Und die Notiz ist die Quintessenz dessen, die Schwelle vom „Nochnicht“ zum „Erstjetzt“ – sie schreibt sich in sich selbst fest, kurzum: Sie manifestiert mein Denken. Pointiert es.
Die KI kann fast alles (und alles davon schneller), doch gerade in ihrer Überlegenheit liegt meine Chance: sie ist zu schnell, um sich Zeit zu lassen. Eine Maschine hat kein Gehirn, und deshalb denkt sie nicht, kann nicht abschweifen, nicht grübeln, muss sich nichts merken; sie kann sich nicht zu einer Bemerkung verhalten, kann nichts aus einem Gefühl heraus notieren, kann weder Stolz noch Zufriedenheit empfinden über die überraschende Entdeckung eines beliebigen Bonmots, eines ergreifenden Gedankens, einer schlichten, unnützen, unendlich intimen Beobachtung, deren Schönheit seinen Erschaffer, seine Schöpferin durch den Tag trägt. Weil ich mich selbst nicht verstehe, komme ich nicht umhin, die Momente zu notieren, in denen für eine Sekunde alles klar erscheint, hell und wolkenlos. In der Cloud sind helle Momente obsolet, sie bedeuten nichts: Die KI macht sich keine Notizen. Sie kann Bücher schreiben, Serien abtippen, sie kann die endlose Bibliothek von Babel füllen, doch sie kann keinen glücklichen Moment notieren, keinen einzelnen Gedanken stehenlassen, ohne jeder Funktion, außer der Freude, ihn notiert zu haben, ihn nicht zu vergessen.
Deshalb fühlt es sich heute so ungeheuerlich an, Joubert zu
lesen; und deshalb hat er recht, dieser ewige Freund und Komplize, unbekannte
Humanist: Die Notiz ist besser als das Buch.