Sonntag, 28. Mai 2023

Die Unmöglichkeit von Händen

Unlängst geisterte ein verstörendes Bild durch die digitalen Netzwerke, es zeigt dichte Rauchschwaden am Areal des Pentagons, das Ergebnis einer vermeintlichen Explosion; sofort und massenhaft (und klarerweise panisch) wurde über einen Angriff spekuliert, ein Anschlag im Herzen Amerikas, an alten Traumata rüttelnd, ehe in seriösen Medien schnell die Entwarnung kam: das Bild ist eine Fälschung. Es gab nie eine Explosion am Areal des Pentagon, der falsche Rauch im Bild stammt aus der Maschine; der größten Nebelmaschine der Jetztzeit. 

Es überrascht nicht, kann nicht überraschen, dass der rasante Aufstieg Künstlicher Intelligenzen zu solchen Bild-Realität-Scheren führt, dass wir uns in Zukunft neue Strategien überlegen müssen, um die Authentizität von medialen Bildern zu prüfen; was jedoch erstaunt, ist die Talentverteilung der digitalen Zwangsarbeiter: zumindest heute, momentan, während ich diese Zeilen verfasse, zeigen sich im Werk der KI-Künstler noch äußerst klare Stärken und Schwächen, die ihre perfekten Lügenbilder enttarnen und den falschen Nebel lichten können, und die Achillesferse der Bildmaschine liegt dabei ausgerechnet im Erstellen einer vermeintlichen Kleinigkeit, der haptischen Urbedingung alles Analogen: den Händen.

Wer sich im Frühjahr 2023 mit Bildern aus der Maschine spielt, wer die Künstliche Intelligenz mit kreativen Forderungen an ihre handwerklichen Grenzen bringt, wird erstaunt, belustigt oder zufrieden erkennen, dass die große Maschine ihre größten Probleme mit dynamischen Prozessen und komplexen Bewegungen hat; kurzum: sie kann keine Hände. Die fiktiven Erzeugnisse, verzerrten Figuren, die mir (noch) kostenfreie Bildwerkstätten im Datennetz innerhalb von Sekunden erstellen, sind Porträtkunst für die Geisterbahn, eine Hochleistungsschau des Horrors, verstörende Chimären und hyperrealistische Missbildungen, als säße ein versklavter Gottfried Helnwein in der Maschine und pinselte unentwegt Veteranen auf den Bildschirm; und immer wieder fallen die unmöglichen Stellungen, Verrenkungen und falschen Anzahlen der digitalen Wurstfinger ins verwirrte Auge. Es ist bezeichnend, dass der naive Künstler, den wir KI nennen, eine täuschend echte Explosion erzeugen kann, noch bevor er gelernt hat, schöne Hände zu malen.

Was diese Beobachtung besonders macht (und ein wenig erschreckend), ist, dass es mir nicht anders geht. Wenn ich nicht gerade Albrecht Dürer bin, so fällt es mir als leidlich begabten Zeichner unfassbar schwer, korrekte Hände zu komponieren. Es ist, als gäbe es im Gehirn irgendwo eine Barriere, eine verbotene Baustelle für die Konstruktion von Handflächen, die nie vollendet wird; die forcierte Vision einer Fingeraufstellung sorgt für Verrenkungen in meinem Kopf, und tausend Stunden Übung kann mich nicht davor bewahren, dass ich beim nächsten Mal wieder den Daumen verkehrt ansetze, die Finger verdrehe, Proportionen verfälsche; sogar die weißen Marmorhände von Michelangelos David erscheinen mir auf Bildern immer eine Spur zu groß, ein winziger, doch sichtbarer Makel in Anbetracht der Perfektion, als bräuchte es noch einen Beweis, dass sie von Mensch geschaffen sind, dem Erfinder des Makels.

Und genau das ist er, denke ich, der Punkt, der mir echte Empathie für die falschen Bilder der großen Nebelmaschine entlockt: nicht ihre Meisterschaft, sondern ihre Makel. Die Tatsache, dass die Künstliche Intelligenz (noch) keine Hände kann, dass sie ausgerechnet (noch) an dem scheitert, woran sich große und kleine Künstler seit Jahrhunderten abplagen, das macht sie mir fast schon: menschlich.

Dienstag, 18. April 2023

Macabéas Erbe

Ich lese Lispector. Nicht ihre neu übersetzten, wilden Erzählungen, sondern ihren letzten und schmalsten Roman, Der große Augenblick (die Autorin gibt noch zwölf weitere Titelvorschläge), ein Text über Armut und Tod, der mit einem großen Ja endet, einem Montaigneschen Ja zum Leben, trotz Armut und Schwindsucht, trotz allem.

Im Buch geht es um ein naives krummes Ding mit kümmerlichen Brüsten und schwacher Lunge, ein mageres Wesen, das niemand gern hat, eher eine Anomalie, als eine Person, geschweige denn ein Individuum; erst nach der Hälfte des Romans erhält Macabéa überhaupt einen Namen, später einen Kaffee, doch viel mehr bekommt sie nicht – sie hat weder Glück in der Liebe, noch im Beruf, und dennoch, erzählt uns der fiktive Autor, da gibt es kein Mitleid und keine Traurigkeit für Macabéa, nein, im Gegenteil, sie spiegelt den verborgenen, inneren Reichtum der Armen, denn Traurigkeit war nur was für Reiche: „Traurigkeit war Luxus.“ Macabéa aber weiß nicht, was Luxus ist. Sie weiß nicht einmal, dass sie eigentlich unglücklich sein müsste. Also ist sie glücklich.

Seit einigen Monaten habe ich einen neuen Kollegen im Museum, der mich an Macabéa erinnert. Er ist nicht mehr der Jüngste, hat schon ein Leben hinter sich, doch er strahlt wie ein Kind, dass noch keine Enttäuschung kennt, er ist überpünktlich, motiviert und hilfsbereit, er trägt sein Lächeln wie eine Dienstwaffe, er jammert nicht (nie), ganz egal, wie lang und monoton und schlechtbezahlt die Dienste auch sein mögen. Er weiß nicht, dass er nach sozialen Standards unglücklich sein müsste, und deshalb ist er die Sonne selbst, er erzeugt das Licht, das ihm nicht beschienen ist, kurzum: er ist ein geborener Romanheld.

Genau wie die arme Macabéa kann er sich keine Traurigkeit leisten; nein, im Gegenteil, er trägt die Rückschläge des Lebens nicht nur, er verlacht sie, er übertönt den Schmerz mit guter Laune, hat eigentlich Architektur studiert, war fünfzehn Jahre ohne Pause in Bauprojekte involviert, hatte Verantwortung für Menschen und Millionen, bis der Körper irgendwann nicht mehr wollte oder konnte und der Arzt ihn vor die Wahl stellte – weniger Arbeit oder früheres Grab, denn der endlose Bau, er hat ihn kaputt gemacht, ihn physisch ausgebrannt, er konnte nicht mehr schlafen, nicht mehr gerade gehen, nicht mal an Autofahren war noch zu denken; bis heute steigt er nicht mehr hinters Steuer.

Doch heute, hier, im schlanken Dienstanzug, da wirkt er ganz in seiner Mitte, und selbst gegen ein Virus ist seine Laune immun: erst vor ein paar Wochen hatte es ihn erwischt (die Pandemie ist aus den Nachrichten, aber nicht aus der Welt), erstaunlich heftig, Fieber, Schwindel, Zahnfleischbluten, und er leidet immer noch an den Folgen, wird sehr schnell müde, sagt er am Ende einer Elfstundenschicht, an Tennisspielen ist gar nicht zu denken. Und dann schmunzelt er wieder.

Er ist glücklich und dankbar, in einem Museum, in einem Palais zu stehen, für zu wenig Geld zu viele Stunden zu machen, nur eines will er nicht mehr: massenhaft berufliche Verantwortung. Wie Clarice Lispectors letzte Heldin will er einfach nur sein, was er gerade ist: grundlos zufrieden. Sogar der Umstand, dass alle Kollegen (auch ich) seinen persischen Vornamen ständig falsch aussprechen, kann ihn nicht aus der Ruhe bringen, im Gegenteil, er wünscht sogar, dass wir die falsche Variante weiterführen, um uns vor Schwierigkeiten zu bewahren.

Es gibt Menschen (nicht wenige), die so ein Maß an Gelassenheit nicht aushalten, es macht sie verrückt, so wie es Macabéas lieblosen Liebhaber völlig irre macht, wenn sie ihm unnützes Wissen aus dem Radio vorträgt, so lange und vergnügt, bis er sie sitzen lässt, natürlich, denn Glück ist überschätzt, und ihre Schöpferin weiß, dass Gerechtigkeit Verrat ist, und deshalb schenkt sie ihrer Heldin am Ende auch den tragisch großen Augenblick, einen filmreifen Abgang aus einer Welt, die sich nicht um sie geschert hat; und trotzdem – trotzdem – entlässt mich der Roman in seinen letzten Zeilen mit einem selten hellen Gefühl, das so unverwüstlich ist, wie das Schmunzeln meines unaussprechlich guten Kollegen:

Nicht vergessen, erst mal ist Erdbeerzeit. 
Ja.

Freitag, 31. März 2023

Rand und Reste

Kürzlich kam ich aus dem Kino (ich sah ein strenges Kammerspiel mit Willem Dafoe als kauzigen Kunstdieb, der in einem Luxusapartment ohne Vorräte, aber voller Hochkultur feststeckt, und zwischen Schiele und Fontana den einsamen Robinson geben muss, ein Gemälde von einem Film, doch nicht im ästhetischen Sinn, sondern in der Art und Weise, wie er mich dazu auffordert, etwas darin zu sehen, das Motiv auf mich wirken lassen – oder es besser gleich zu lassen), und weil ich zuvor nichts gegessen hatte und der Film permanent um Hunger kreiste, setze ich mich in die niemals ferne Burgerbude bei der Bahnstation und bestelle mir das nächstgrelle Bild über dem Tresen.

Es ist wenig Platz und nicht viel los; rechts neben mir drei junge, reich geschminkte Frauen, gegenüber, in einer Ecke abseits des Tresens, ein schmaler dunkler Typ in einem blauen Trainingsanzug, der Tisch vor ihm leer. Während ich den anspruchslosen Hunger stille, stehen die Frauen neben mir auf, stellen ihr Tablett mit den Pommesresten in das dafür vorgesehene Metallwägelchen und verlassen den Laden. Nur einen kurzen Moment später erhebt sich der knochige Kerl im Trainingsanzug, und ich beobachte, wie er sich langsam zum Tablettwagen bewegt und prüfend einen Blick in die dunklen Einschübe wirft, bevor er sich mit den zurückgelassenen Essensresten wieder in die Ecke zieht, in der er zuvor gewartet hatte.

Ausgerechnet hier, in einer lieblosen Schnellfressstädte, ist Platz für diese Beobachtung, die in jedem Cafe oder Restaurant der Stadt undenkbar wäre; früher, vor über hundert Jahren, da waren die Kaffeehäuser noch Auffangbecken für die sozial Schwachen, die Randständigen, die Prekären, die den ganzen Tag an einer leeren Mokkatasse nippten, weil es im Kaffeehaus warm war und für alle Platz; heute sind es die austauschbaren Konsumketten mit ihrer wurschtigen Massenmentalität, die das Kaffeehaus als Hort der Unterschicht längst abgelöst haben; heute ist hier der Platz für Hungerleider und Wärmesuchende, für knochige Kerle in zu weiten Trainingsanzügen, die sich ihr Menü selbst bauen, ohne behelligt zu werden, weil sich in den Schnellfressstädten kein Schwein um dich kümmert, und wo du allen egal bist, da wirft dich auch keiner raus, da gibt es keine Kellner, die dich zum Gehen auffordern, keine Gäste, die dich mit Abscheu strafen – hier, bei Billigburger & Co. fressen alle dasselbe und jeder für sich; in gewisser Weise wird ausgerechnet hier die Gleichheit des Menschen besonders deutlich: Niemand isst hier besser als der andere. Bloß konsumieren manche mehr, während für andere nur der kalte Rest bleibt. Aber immerhin dieser.

Mittwoch, 1. März 2023

Skepsis


 

Donnerstag, 23. Februar 2023

Zurück zur Immersion

Der Kollege, über den ich heute schreibe, gehört zu den Menschen, die immer wieder überraschen; sie tun es nicht bewusst, es liegt einfach in ihrer Natur, weil sie eine innere Freiheit ausleben, die sich nicht um Erwartungen schert, sich nicht ständig die Frage aller Fragen stellt: Was werden sie von mir denken?

Sich dieser Frage zu entziehen (oder sie zu ignorieren) ist Größe. Der Kollege ist eine Spur größer als ich, seine Haltung suggeriert immer eine latente Rückenlage, statt des ersten, hat er immer den zweiten Knopf seines Dienstsakkos zugeknüpft, das Aufsichtsschild trägt er gelegentlich verkehrt herum, aber mit Würde. Vor eineinhalb Jahren hat er aus dem Nichts mit der Fotografie angefangen; hat sich eine Kamera zugelegt, einen Kurs besucht, sich Ziele gesteckt – eine eigene Ausstellung, ein Artikel in der Zeitung (einer guten). Er verfolgt seine Leidenschaft mit angemessener Neugier und Ernsthaftigkeit, er kann über Fotografie sprechen wie über die Bücher von Stephen King, und noch in der kürzesten Pause findet er Zeit, mir seine Ansichten zu erörtern.

Vor kurzem hatten wir ein großes Projekt im Palais, ein internationaler Dreh, der über mehrere Tage in den Prunkräumen des Hauses stattfand, und über dessen Inhalte wir zum Schweigen verpflichtet waren (was die Zeitungen und das Internet nicht davon abhielt, zu berichten und zu spekulieren). Mehr als sonst gilt für die Aufsichten in diesen Stunden: Diskretion, Zurückhaltung, Unsichtbarkeit. Ich stehe in einem Raum neben dem Kollegen mit dem fotografischen Gusto, und während des Aufbaus für die nächste Szene flüstern wir über Inspiration. Ich schreibe gerade wenig, sage ich, und frage, wie es bei ihm mit der Fotografie steht. Nein, sagt er ganz selbstverständlich, die Kamera hat er schon seit Monaten nicht mehr in die Hand genommen, es ist auch wichtig, kreative Pausen zu machen. Es klingt ehrlich, uneitel, er ist kein Mann der Posen. Stattdessen, fährt er fort, spielt er jetzt wieder viel PlayStation.

Und wieder ist sie da, die Überraschung, der Gestus eines gut geschriebenen Charakters: Er hat alle neuen Konsolen zu Hause, PS5, XBox One, doch sie sind ihm völlig egal, er spielt doch lieber wieder nur Resident Evil 4 auf der antiken PS2. Nicht trotz oder obwohl die Grafik von damals heute vollkommen klobig, veraltet und überholt ist, sondern genau deswegen. Heute, sagt er, setzten alle Engines auf fotorealistischen Einheitsbrei, doch bei einem Klassiker wie Resident Evil 4 (immer noch das beste Gameplay, sagt er, unübertroffen), da ist die Immersion viel stärker als bei heutigen Hochglanztiteln – eben nicht trotz, sondern weil die Grafik viel einfacher und abstrakter ist und du deine Fantasie aktiv einsetzen musst, ganz nach Shakespeares flammenden Publikumsappell: „Ergänzt mit euren Gedanken uns’re Mängel.“

Wie klar und kindlich begeistert mein Kollege mir seine These erzählt, ich kann nicht anders, als ihm zuzustimmen, und mich selbst über das Paradox zu wundern, weil es stimmt: es ist leichter, mich in eine abstrakte Welt fallen zu lassen, die ich mit meinen Gedanken ergänze, als mich in einer Kopie der Realität zu Hause zu fühlen; im Roman geht mir die Welt der Auslassungen näher als die ermüdenden Beschreibungen prosaischer Raumausstatter; auf der Bühne kann ein Schauspieler mit weißem Shirt, auf dem „HUND“ steht, mir stärker und authentischer erscheinen als der gleiche Darsteller im echten Fellkostüm mit Schwanz und Schnauze. Die Immersion verlangt keine Perfektion, im Gegenteil, die vollständige Versenkung in fantastischen Welten gelingt vielleicht überhaupt nur, wenn sie sich durch gewisse Mängel vom Realismus abgrenzt, um meine Fantasie nicht außen vor zu lassen.

Auch das eine Erkenntnis, die ich meinem überraschenden Kollegen verdanke.

Freitag, 3. Februar 2023

Über das Sitzen

Es genießt keinen guten Ruf in diesen Tagen, es ist verpönt, gilt als Volkskrankheit, wird als „das neue Rauchen“ bezeichnet – nein, im Ernst, das Sitzen hatte schon mal einen besseren Stand. Das ist schade, es ist ungerecht, vor allem aber verfehlt, denn es gibt viele klare und gute Gründe, sich hinzusetzen – schwieriger und existentieller ist dagegen schon die Frage, wofür ich eigentlich aufstehe.

In der Museumsaufsicht ist der Stuhl meine Rettung; die Aussicht, sich setzen zu dürfen, ist unsere ferne Erscheinung um Horizont, das rettende Schiff, das sich minutiös nähert, bis die Hoffnung Anker legt, die Ablöse mich in die Pause entlässt, die Füße entspannen, die Bandscheiben ruhen, für ein paar Minuten nur. Erst das erzwungene Stehen offenbart den wahren Wert des Sitzens, und erst im dankbaren Niederlassen auf den Stuhl wird klar, was er wirklich darstellt – einen Luxus, ein wertvolles, vierbeiniges Kulturgut, für das es sich zu kämpfen lohnt. In der Schule geht die Angst vorm Sitzenbleiben um, doch die härteste Strafe liegt im Stehen: es kann als Demütigung, kann als Folter verwendet werden (gerne kombiniert mit Nacktheit, Kälte, Fessel, Finsternis), kann zur öffentlichen Vorführung, Abwertung, Ausstellung dienen, kann im endlosen Anstehen an den Verstand gehen, bis zum Umfallen und darüber hinaus.

Das Stehen erregt Aufmerksamkeit, es behauptet jede Bühne für sich, doch viele, wirklich bewegende Dinge entstehen im Sitzen. Wird uns Gewichtiges mitgeteilt, sollen wir uns zuerst lieber hinsetzen, denn das Sitzen steht für Intimität, am Stuhl fühle ich mich privat, sicher und beschränkt, während das Stehen nach Größe und Pathos strebt (Ansprachen erfolgen im Stehen, Aussprachen im Sitzen). Sitzend wird geredet, gegessen, gewürfelt und gezinkt; sitzend werden Gesetze unterzeichnet und Geschichten aufgeschrieben, die gesamte Literaturgeschichte wäre ohne der Gegenwart eines Stuhls vollkommen undenkbar, denn jeder Text (auch dieser), jeder Akt des Schreibens beginnt damit, sich hinzusetzen. Der Stuhl ist nicht nur eine gesellschaftliche Errungenschaft des Menschen, er ist auch längst in die Kulturgeschichte eingegangen, von Van Goghs gelben Holzstuhl bis zu den zerschlissenen zwölf Stühlen bei Ilf & Petrow.

Pascal wird der Ausspruch zugeschrieben, alles Übel in der Welt entstehe überhaupt nur dadurch, dass der Mensch nicht ruhig in einem Zimmer sitzen kann. Und vielleicht ist das tatsächlich das Dilemma, der urtümliche Grund, warum das Sitzen heute so schlecht wegkommt: weil Unruhe urmenschlich ist, und die Stunden am Stuhl in ihrer Masse von jedem Genuss und Genius befreit wurden, beschlagnahmt von Kafkas Beamtenapparat, der längst Alltag geworden ist; im globalen Großraumbüro ist der Stuhl keine entspannende Erlösung, keine Hilfe zur Entscheidung, er ist die ergonomische Knechtschaft, die verbiegt und verkrümmt, weil sie aus dem Luxus eine Legebatterie schafft, die sich in der sitzenden Unruhe selbst abstraft. 

Wenn meine Museumspause vorbei ist (und sie ist immer zu schnell vorbei), wenn ich nach diesen kurzen Zeilen wieder aufstehe, mich erhebe, dann fühle ich mich für einen Moment erfrischt, ja, beinahe erholt, in jedem Fall dankbar. Und vielleicht bekäme das Sitzen wieder einen besseren Ruf, wenn wir uns öfter dieser einen Sache bewusst werden: Es ist nicht der Stuhl, der uns krank macht, sondern die Art und Weise, wie wir unsere Zeit auf ihm verbringen.

Sonntag, 22. Januar 2023

Der Postphobiker

Während andere Angst vor der Zukunft haben, fürchtet er, dass alles schon passiert ist. Jedes Mal, wenn er das Radio, den Browser anmacht, sich die Nachrichten ansieht, überkommt ihn die Panik, dass alles, was ihm gerade berichtet wird, nur die Wiederholung einer Vergangenheit ist, dass selbst die vagen Wetteraussichten nur falsche Rückschauen sind, weil in Wahrheit nichts davon live ist, auch wenn es so klingen soll (gerade, wenn es so klingen soll). Seine Angst ist die Krankheit, sein Zweifel das Symptom: Was, wenn nichts in unserer Welt gegenwärtig ist? Was, wenn uns nur vorgegaukelt wird, dass wir im Jetzt leben?

Er glaubt oder fürchtet, dass uns die Vergangenheit nur als Gegenwart verkauft wird, weil die Katastrophen der Zukunft schon längst eingetroffen sind. London könnte längst zerfallen sein, die Arktis geschmolzen, Australien versunken, der nukleare Erstschlag erst ein paar Jährchen her. Er sucht Hinweise in der Sprache, Signale im Radio, verdächtige Störgeräusche, Rückkopplungen, jede knisternde Frequenz heizt seine Paranoia an; natürlich, denkt er, nur die wenigsten wären eingeweiht, die meisten würden wirklich glauben, im vorgegebenen Jahr zu leben, sie glaubten, dass die Nachrichten von dem berichten, was gerade passiert, während er spürt, dass gerade vertuscht wird, was nicht mehr zu ändern ist.

Dummkopf, wird ihm gesagt, warum prüfst du es nicht einfach – reise nach London, flieg nach Australien, überzeug dich davon, dass die Welt noch steht, schau es dir an, mit eigenen Augen; doch für ihn ist das nicht Beweis genug, nein, es reicht nicht, um ihm seine Angst zu nehmen: Wenn er sieht, dass London in Ordnung ist, wer garantiert ihm dann, dass nicht Amsterdam im Argen liegt, der Eiffelturm einstürzt, das letzte Nutztier verreckt, in diesem Moment? Und woher weiß er, dass er nicht bloß durch die Fassade einer Stadt läuft, die im Inneren bereits verfallen und verseucht ist? Um seine Angst wirklich zu überwinden, um wahre Gewissheit zu haben, müsste er hinter jede verschlossene Tür blicken, er müsste an allen Orten der Welt zugleich sein, um sicher zu wissen, dass sie alle noch existierten. Und deshalb macht er sich auf die Suche nach dem Aleph.

Im Zuge seiner Angst ist er auf die Reportagen von Borges gestoßen; in einer berichtet er von einem winzigen Gegenstand, der das gesamte Universum in sich trägt. Fragwürdige Quellen wollen ihm zwar einreden, Jorge Louis Borges hätte phantastische Literatur verfasst, doch er glaubt nicht daran; er denkt, dieser Mann hätte schlicht und einfach zu viel gewusst, denn als einer der wenigen hat er sich getraut, über die Zukunft (also die eigentliche Gegenwart) zu berichten, er hat über das Internet geschrieben, noch lange, bevor es uns zugänglich wurde, und deshalb hat er auch nie den Nobelpreis erhalten, weil sie ihm natürlich keine Bühne bieten, ihn zum Schweigen bringen wollten – zwar könne niemand klar benennen, wer „sie“ sind, doch genau das ist ihre Absicht, weil „sie“ nicht auffliegen wollen, wandeln sie unsichtbar und unsterblich unter uns, wie Homer. Er denkt, dass Borges das wusste; und vermutlich musste er deshalb schleichend erblinden, offensichtlich haben sie ihm die Sehkraft entzogen, damit er nicht mit eigenen Augen die Wahrheit überschauen konnte; doch der Postphobiker will genau das.

Im Bericht von Borges wird das Aleph im Keller eines alten Hauses in der argentinischen Calle Garay entdeckt; zwar wurde das Haus mittlerweile abgerissen, der Gegenstand zerstört – doch wie uns Borges in seiner Schlussbemerkung mitteilt, hegt er die Vermutung, dass ein weiteres Aleph existiert, dass er womöglich das falsche beschaut hatte – es könnte sich im Inneren einer Steinsäule in Kairo befinden (sofern Kairo existiert), es könnte ein Spiegel sein, uns womöglich in menschlicher Form erscheinen. Der Postphobiker geht sämtlichen Hinweisen nach, die der Argentinier ihm hinterlassen hat, denn es ist die einzige, die letzte Möglichkeit, sich von seiner Furcht zu lösen, am Ende über sie zu triumphieren: indem er jenen Gegenstand findet, der ihm alle Ereignisse zu allen Zeiten zeigt, ihm Sicherheit gibt, dass es nie so kommen wird, wie es in seiner Panik bereits ist, ihm endlich all seine Ängste nimmt.

Er sucht ihn bis heute.