Freitag, 18. Februar 2022

Lob der Ambivalenz

Marlene Streeruwitz wurde einmal im Radio gefragt, was sie vom Strichpunkt halte, worauf sie anwortete, mit dieser angenehmen Stimme, für sie sei der Strichpunkt überhaupt kein Satzzeichen, eine Antwort, die mich bis heute schockiert; ohne dem Strichpunkt wäre die Literatur nicht nur um einige (viele) Möglichkeiten ärmer, nein, seine Abwesenheit hätte viele Werke, Stellen, Grauzonen gar nicht zugelassen. Unvorstellbar, wie ein Michael Koolhaas aussehen würde, hätte ein Satzzeichenberserker wie Kleist keine Strichpunkte zur Verfügung gehabt; hätten Kafka, Woolf, Borges sich immer nur für Punkt oder Strich entscheiden müssen, ihre Werke wären heute nicht die gleichen; weil der Strichpunkt eine ungeahnte Rettung in der Not ist, ein stiller Held, der triumphiert, wo alle anderen Satzzeichen versagen. Und dennoch wird er selten gefeiert, oft verschmäht, sogar verleugnet, von vielen geächtet. Doch warum?

Ein Missverständnis, vielleicht, in jedem Fall ein Irrglaube; wer meint, der Strichpunkt stehe für die anfängliche Unentschlossenheit des Autor, der Autorin, der will fehlende Konsequenz sehen, wo eine bewusste Entscheidung stehen mag; denn der Strichpunkt ist selten unentschlossen, und er ist schon gar nicht feige, im Gegenteil, er zeigt Mut zur Ambivalenz, er ist die klare Entscheidung für das Unklare, das Dazwischen, für alle Fälle, in denen weder ein Punkt noch ein Strich passend oder präzise genug erscheinen; weil es ihn nun mal gibt, ihn geben muss in der Literatur – selten, aber doch –, den ambivalenten Zwischen-Fall, die Schwebe zwischen Punkt und Komma, Ende und Fortsetzung; ohne den Strichpunkt wäre die Literatur einer Mitte beraubt, die sich nicht überzeugt und parteiisch auf eine der beiden bitter verfeindeten Seiten schlägt – er ist die Alternative, die sich nicht simpel und voreilig festlegen lässt, er zeugt nicht nur von Ambivalenz, er bedingt die Ambivalenz, und deshalb ist er nicht bloß irgendein Satzzeichen, sondern vielleicht das literarischste Satzzeichen überhaupt; weil Literatur von der Ambivalenz lebt.

Wo es keinen Platz für gedankliche Zwischenräume gibt, die sich in schriftlichen Zwischenzeichen ausdrücken, da wird es eng für die Literatur, diesen unendlichen Möglichkeitsraum, der vielleicht überhaupt nur besteht, weil er sich unterschiedlich lesen lässt. Der Strichpunkt ist ein Michael Koolhaas, ein strenger Hüter und Verfechter der Ambivalenz. Wo sie aufhört, da bleibt nicht mehr als ein Diktat, eine Vorgabe, die keine Grauzonen zulässt, sondern diktiert, wie ich zu lesen habe. Und wer liest schon gern Diktate?

Donnerstag, 6. Januar 2022

Die Welt als Museum

Nach kurzer Bauzeit eröffnete das Museum im Januar 2020 und ist seither frei zugänglich und täglich geöffnet, sogar an Feiertagen. Es zeigt das kontinuierliche Lebenswerk eines einzigen, ehrgeizigen Künstlers, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die gesamte Weltbevölkerung zu porträtieren, weshalb die Sammlung ständig am Wachsen ist.

Während der Ausgestellte seine Bilder mit einem prägnanten Künstlernamen signiert, bleibt seine wahre Identität bis heute ein Rätsel. Es gibt Gerüchte, er stamme aus China; tatsächlich weiß man weder seine genaue Herkunft, noch sein Geschlecht oder Alter. Niemand hat ihn jemals persönlich zu Gesicht bekommen, er versteckt sich so gezielt und bewusst hinter seinem Werk, dass viele an seinem Genie zweifeln, manche glauben sogar, der Künstler existiere gar nicht, sein gesamtes Schaffen sei nur gefälscht oder computergeneriert und somit keine echte, keine wahre Kunst. 

Nicht wenige Gäste üben sich deshalb in Kritik; obwohl die Ausstellung für alle gratis ist, sind sie wütend, sauer auf die Museumsleitung, verlangen eine radikale Neuausrichtung des Hauses, die alternative Positionen zulässt und diversere, kollektive Arbeiten abseits des kulturellen Mainstreams zeigen soll, anstatt jahrelang einem einzigen Künstler den gesamten Raum zu geben. Zudem zeigen sich viele irritiert von den kleinformatigen, aus der Ferne kaum erkennbaren Porträtdarstellungen des anonymen Künstlers und setzen sich konsequent über die Abstandsregeln im Museum hinweg. Die schlecht bezahlten Aufsichten wiederum fühlen sich von der Museumsleitung im Stich gelassen, sie wirken zunehmend entnervt und überfordert von den ständigen Bildalarmen, weil wieder einmal jemand (bewusst oder versehentlich) ein Kunstwerk berührt hat.

Ständig müssen die Porträts deshalb von Experten überprüft werden, immer häufiger kommt es zu Schäden an den Bildern durch Unbedachtheiten und vorsätzlicher Ignoranz; die meisten dieser Schäden können in der Restaurierung kaschiert werden, doch manche Werke sind selbst von den besten Restauratoren nicht mehr zu retten. Während die Ausstellung in ihrem Umfang weiter anwächst, verschwinden somit viele ältere Portraits aus der Sammlung und hinterlassen eine trostlose Lücke an den Museumswänden.

Umstritten bleibt die Frage, ob gegen mutwillige Vandalen ein striktes Hausverbot ausgesprochen werden soll, was sich wiederum gegen den inklusiven Museumsanspruch richten würde. Statt des generellen Kunstverbots überlegt die Museumsleitung deshalb, bei wiederholten Bildberührungen empfindliche Geldstrafen zu verhängen, um in den Köpfen der Gäste für mehr Respekt vor der Kunst zu sorgen.

Andere, allzu vorsichtige Personengruppen bleiben dem Museum von sich aus fern, weil sie fürchten, eines Tages ihr eigenes Porträt an der Wand zu entdecken. Wo sich von Anfang an reger Protest gebildet hat, weil der Künstler seine Bilder ohne Einverständnis der Porträtierten malt, spüren die Schüchternen, Abwesenden eine stille Angst, nicht mit ihrer Darstellung im Museum umgehen zu können, weshalb sie sich selbst isolieren und mit dem Künstler nichts zu tun haben wollen. Sie verschließen sich komplett und freiwillig vor der Kunst, doch es geht ihnen nicht gut damit; der stete Kulturmangel drückt auf ihre Seelen.

Aus Sorge um sie wurden neue Angebote geschaffen. Die Museumsleitung bietet heute mehr und mehr Führungen an, um die verunsicherten Gäste von speziell geschulten und erfahrenen Kunstvermittlern davor zu schützen, im Museum auf sich selbst zu treffen, zudem werden kostenlose Audioguides zur Verfügung gestellt, um sich Hintergründe anzueignen und der eigenen Skepsis vorzubeugen. Zögerlich, aber doch werden diese Angebote wahrgenommen, auch wenn die sturen Führungsinhalte von allen kritisch beäugt werden, die sich lieber frei durch das Museum bewegen und sich in der Art und Weise, wie sie Kunst interpretieren, von niemandem bevormunden lassen wollen. Auf der anderen Seite werden die Ausführungen der Guides oft als unverständlich, verwirrend und mitunter zu kurz gegriffen kritisiert.

Dabei ist heute die große Frage, was Kunst eigentlich ist und was Kunst überhaupt darf, wieder neu entbrannt. Viele Gäste können mit dem Konzept des Künstlers nicht viel anfangen, manche begreifen die zahllosen Bilder – und vor allem ihre Lücken – als verstörend, abschreckend, geschmacklos. Wieder andere empfinden das Werk an sich als größenwahnsinnig und absurd, sie sind der Meinung, die Museumsgelder wären woanders besser aufgehoben, sie können oder wollen den Erfolg des Künstlers nicht nachvollziehen, obwohl sie ihn mit ihren Besuchen (ihrer Empörung) noch unterstützen. Nicht wenige fordern wiederum die komplette Schließung des Museums, damit die leidigen, längst aus dem Ruder geratenen Kunstdebatten endlich ein Ende haben.

Doch egal, wie man zu den Bildern und der Museumspolitik schlussendlich steht, in einer Sache sind sich alle einig, auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen: Das Werk des Künstlers lässt niemanden kalt. Es hängt, und es wird weiter ausgestellt, so lange, bis es nicht mehr erregt.

Mittwoch, 29. Dezember 2021

Requiem für einen Wandkalender

Mein Vater hatte einen, mein Cousin hatte einen, man kann sagen, ich bin mit ihm aufgewachsen. Ich sah ihn an Bürowänden, in Umkleiden, Badezimmern, an schlecht beleuchteten Kalkmauern, zuletzt in den labyrinthischen Kellergewölben des Auktionshauses: Dort hängt er zwischen den Depots für Gemälde vergangener Jahrhunderte und wirkt selbst wie ein Relikt vergangener Zeiten: der erotische Wandkalender. 

Er hängt über dem Boden, nicht anders als ein Kunstwerk, doch er ist selten öffentlich zugänglich; man findet ihn zumeist in privaten, überwiegend männlichen Refugien, schüchtern, fast verschämt hängt er an der Wand, stellt sich selten in den Mittelpunkt, hält sich eher randseitig, im Dämmer, und lädt dich ein, näherzutreten.

Er ist ein Zauberer, der zwölf Monate in zwölf Posen verwandelt, ein Hüter der beständigen Erinnerung an eine Zeit, eine Ära, als das Analoge und Haptische vorherrschte, und den entblößten „erwachsenen“ Bildern noch eine Aura des Geheimnisvollen und Verruchten umgab; für nicht wenige war er ein stiller Aufklärer, ein erster Bezugspunkt zu einer Welt, die es zu entdecken galt, eine viel zu kurze, zu einfache, verheißungsvolle Antwort auf eine Frage, die noch nicht gestellt wurde.

Er gab dir zwölf Bilder für das ganze Jahr, überraschte dich beim Blättern durch die Monate, erwärmte dir den November, Dezember, ließ dich staunen, zu welch Posen diese Körper fähig waren, noch bevor du je von Yoga gehört hast, ließ dich wundern, warum den Modellen im Winter nie kalt wurde. Mit seinen zwölf Bildern eröffnete er dir das Tor zur Fantasie, ohne es einzutreten, wie seine digitalen Nachfolger, denen er immer eines voraushaben wird: er ist limitiert und greifbar, und deshalb hat er Gewicht – er weckt ein Verlangen, das er nie ganz stillt, er ist die zu kurze Zigarette, die verwirrend schmeckt, er liefert dir zwölf Bilder, um dich wählen zu lassen, dir einen Lieblingsmonat festzulegen, um dich selbst besser kennenzulernen.

Er war ein Lehrer, der selbst nie eine Schule besuchte, er nahm es hin, verbannt zu werden, zu empören und zu erregen (vor allem zu erregen); er konnte ein Komplize sein, wenn Mann einen brauchte, eine Sehnsucht, wenn es sonst keine gab. Über seine Bilder konnte länger diskutiert werden als über einen Picasso, sie prägten sich in deinen Kopf, als hätten sie Bedeutung, sie waren ein geheimer Kompass, eine Konstante, sie alterten nicht; das Jahr verging, ein neues begann, die Bilder waren da. Die Körper räkelten sich, egal was kam, egal was noch kommen würde.

Heute führt er ein Schattendasein in stiller Einsamkeit. Er weiß, dass es nicht mehr viele von ihm gibt, er wurde ausgedünnt wie die Telefonzellen in der Stadt, und womöglich wird er bald ganz verschwinden, weil er wie die Telefonzelle nicht mehr gebraucht wird, weil er nur zwölf Bilder für ein Jahr bietet, wo seine Nachfolger vierundzwanzig Bilder pro Sekunde liefern.

Irgendwann wird auch der letzte erotische Wandkalender abgehängt sein und die Welt wird es nicht merken, weil er ohnehin nie im Mittelpunkt stand. Er wird nicht vermisst werden, er wird nicht fehlen, doch die, die ihn kannten, werden sich an ihn erinnern, mit einer nahezu unverständlichen nostalgischen Demut, die nur all jene nachvollziehen können, die noch Wertkarten in eine Telefonzelle gesteckt haben.

Freitag, 10. Dezember 2021

Eine Weihnachtsgeschichte

Es gibt Traditionen, die werden mit bedingungslosem Willen aufrechterhalten, selbst wenn die Erde stillsteht. Am ersten Freitag im Dezember wird der Christbaum in der Sala Terrena des Fürstenpalais aufgestellt, weil er hier jedes Jahr aufgestellt wird, weil es immer so gemacht wurde, weil es Tradition ist, selbst wenn niemand ins Haus darf, um den Baum zu bestaunen; er muss stehen. Die Tradition gibt Struktur, der Baum gibt Halt, und selbst die größten Skeptiker der Menschheit können schwer leugnen, dass sie nicht etwas brauchen, woran sie sich festhalten können.

In diesen Tagen ist es der Tannenbaum, der gefällt wurde, um errichtet zu werden, um seine Nadeln im Warmen zu behängen und ein paar Wochen später zu entsorgen. Zwei kräftige Männer tragen den Baum, der wortwörtlich ins Netz gegangen ist, stellen ihn in eine Vorrichtung neben dem Haupteingang, wie jedes Jahr, und öffnen das Fangnetz – und in dem Moment geschieht das Unerwartete, aus dem dichten Nadelkleid der meterhohen Naturinstallation springt eine Maus; eine flinke, weiße, nicht gar so kleine Maus, die sich im Baum versteckt oder verirrt hatte, sie springt heraus und wetzt über die glatten Marmorfliesen. Woher kommt sie, wohin will sie – für die beiden Fragen ist kein Platz in der Geschichte, denn die beiden Männer, die den Baum errichtet haben, reagieren schnell. Sie rennen der Maus hinterher, die zu ihrem Unglück in eine Ecke läuft, und treiben sie in die Enge. Einer von ihnen bückt sich, ballt die Faust und erschlägt den Eindringling; es braucht zwei Schläge (nicht einen: zwei), um das Mäuschen zu töten. Was vor wenigen Sekunden noch ein Nagetier war, ein kleines, pelziges Lebewesen, ist jetzt nur noch ein blutverschmiertes Stück Fell.

Der Mann, der die Maus so abgeklärt erschlagen hat (es wirkt nicht so, als hätte er es zum ersten Mal getan), packt den Kadaver am Schwanz und entsorgt ihn in der Mülltonne neben dem Haus. Dabei hinterlässt das Tier eine tropfende Blutspur, um auch nach dem Tod noch Ärger zu machen. Sofort kommen die beiden Reinigungsdamen auf Befehl und schrubben den Marmor; eine beträchtliche Zeit schrubben sie an den blutroten Flecken, die sich so schwer entfernen lassen, egal, ob sie von Mäusen oder Menschen stammen. Im Alten Testament wurden Verträge noch mit Tierblut beschlossen, um wasserfesten Handel zu betreiben – weil selbst ein Tropfen roter Mäusesaft dicker ist als Wasser.

Es dauert, dauert an diesem Dezembertag, bis alle roten Schlieren am Bodenmarmor beseitigt sind, damit nichts mehr von dem Baum ablenkt, den niemand bestaunt. Nur draußen vor der Tür, da finden sich noch – wenn man ganz genau hinsieht – ein paar schwache, kleine Kleckse am kalten Stein der Vorterrasse. Es sind die letzten Spuren einer Unbekannten, sie schimmern schwach im zarten Rot, bis der erste Schnee fällt und auch sie verwischt.

Sonntag, 5. Dezember 2021

Die Kassiererin

In den Wochen, in denen das Land sich wieder herunterfährt, in einen erzwungenen Sparmodus wechselt, um Kontakte zu verringern und Krankenhäuser zu entlasten, wirkt der Gang in den Supermarkt wie ein letzter, rebellischer Akt sozialer Interaktion.

Während die Museen wieder verschlossen, die Kultur wieder abgesagt ist, trete ich in den Supermarkt, um meinen bescheidenen Wochenendeinkauf zu erledigen; bescheiden, weil ich nicht weiter vorausdenken kann, vielleicht gar nicht weiter vorausdenken will. Mit fünf säuerlichen Äpfeln Marke Kronprinz, Toastbrot, Nudeln und der Zeitung reihe ich mich ein an der einzigen besetzten Kassa und erkenne die Mitarbeiterin schon von weitem. Eine junge Rothaarige sitzt dort hinter dem transparenten Schutzschild, sie erinnert an die schottische Titelheldin aus dem schönen Pixar-Film, doch sie schultert keinen Bogen, sie ist keine Prinzessin, sie hält „nur“ den Laden, das Land am Laufen. 

Entgegen der Empfehlung zahle ich bar, als ich vor ihr stehe, und bei der Rückgabe des Wechselgeldes berühren sich unsere Hände, nur einen Moment berühren sie sich, doch etwas passiert in dieser Sekunde, sofort löst sich ein Gedanke; ich stelle mir vor, mein eigener Protagonist zu sein, in einer Geschichte, die ich vielleicht nie schreiben werde: Der Held, der natürlich keiner ist, lebt in einer schwierigen, verwirrenden Zeit, er sehnt sich nach Wärme und Nähe, die ihm niemand gibt, und er geht in den Supermarkt, jedes Mal in den gleichen Supermarkt, in der Hoffnung, dort die junge rothaarige Kassiererin zu treffen, die er schon von weitem erkennt, und er bezahlt jedes Mal bar, in dem Wissen, dass sich beim Erhalt des Wechselgeldes ihre Hände berühren werden; er geht jeden Tag in diesen Supermarkt, bei jedem Wetter, er kauft sich Dinge, die er vielleicht gar nicht braucht, vielleicht eine Pixar-DVD, nur um den Moment zu erleben, in dem sich ihre Hände berühren, was für die Kassiererin eine ganz normale Geste darstellt, doch für ihn ist es mehr, diese Sekunde hat Bedeutung, sie berührt ihn, sie hilft ihm durch diese Zeit.

Und er weiß, dass er sich zuerst die Hände waschen muss, wenn er nach Hause kommt, und er tut es, genauso gründlich wie glücklich – die Kassiererin gibt ihm den Grund dazu. 

Mittwoch, 17. November 2021

Berufsproblem

Vor ein paar Wochen sprach ich mit einem Kollegen, einem sehr guten, über unsere Arbeit, oder besser, unseren Job; wir standen vor dem Haupteingang des Fürstenpalais’, ich auf Pause, er auf Position, die Veranstaltung im Gange, und wir hatten ein paar ruhige sternenklare Minuten, nur gelegentliche Raucher in unseren Rücken, die uns weder hörten noch verstanden.

Es belastet ihn schon, sagt mein Kollege, und ich weiß, was er meint, bevor er es ausspricht – es ist nicht die Arbeit selbst, sondern das Wissen um ihr Ansehen. Wenn er Freunde trifft, sagt er, dann verschweigt er, womit er sein Geld verdient, er lenkt vom Thema ab, weil er sich für seine Arbeit schämt, es ihm peinlich ist, den Beruf zuzugeben. Andere zumindest haben eine Ausrede, finanzieren sich damit parallel ihre Träume (ich?), ihre Studien (viele), doch er, er hat nur das. Er ist noch sehr jung, aber reflektiert, er weiß, was die Leute über einen denken, der ihrer Ansicht nach nichts aus seinem Leben macht; es kommt einer Beleidigung gleich, dein Beruf wird dir übel genommen, zwar nicht in lauten Urteilen, nicht in Gewalt, aber in ihren Gesichtern. Die Rechnung kommt in Blicken.

Ich kenne die Reaktionen, die leise Frage „Was ist in deinem Leben schief gegangen?“, das Unverständnis, sich freiwillig für eine so sinnleere, schlecht entlohnte Arbeit zu entscheiden, gerade mal genug Geld zu haben, um Scheiße zu fressen und sich die Füße wund zu stehen, statt eine andere Richtung einzuschlagen. Es belastet ihn schon, sagt mein Kollege, er ist verlässlich, freundlich, unfassbar besonnen, wurde vor Monaten einmal bei der Arbeit angegriffen, bekam einen Messerstich in die Hand und niemals Entschädigung; es tut ihm nicht weh, es hat ihn nicht kündigen, nicht einmal daran denken lassen, aber es belastet ihn schon, das Wissen, dass diese Narbe nicht anerkannt ist, es niemals sein wird. Ich weiß, er wird niemals mit der Narbe vor Freunden angeben, weil sie für immer mit dem Dienst verbunden ist. Es ist ein tiefer Stich, doch schmerzhafter sind die Sticheleien, in diesem Job zu versauern.

In ihm wie in mir (womöglich in allen Aufsichten) steckt ein tiefes Empfinden, ein Empfinden, das dir sagt, dich für den Job irgendwo schämen zu müssen. Es belastet schon sehr, ja, es ist ein verdammter, ein permanenter innerer Druck, doch er wird von außen gemacht: Das ist das Problem meines Berufs – er besteht aus Beaufsichtigung, aber er wird nicht angesehen. Die reine Option, diesen Job eventuell zu mögen, ihn beizeiten gern oder gut zu machen, ist kategorisch ausgeschlossen. Und dennoch mag ich ihn.

Ein kränklicher Däne schrieb 1846, in die Schule zu gehen, das heißt nicht nur lesen, lernen und gehänselt werden, es „bedeutet fast so etwas wie mitinteressiert zu sein an dem Problem des Schulunterrichts.“ Was Kierkegaard damals in seiner Kritik der Gegenwart aufzeigte, gilt in meinen Augen genauso fürs Berufsleben: Aufseher sein, das bedeutet auch, sich für das Problem der Aufsicht zu interessieren. Es ist eine carrollsche, tägliche Nicht-Arbeit, die man dennoch (wie alles) sehr schlecht machen kann, und die dir manchmal noch übel genommen wird, wenn du sie gewissenhaft erledigst, doch in dieser unlösbaren Problematik steckt ein noch viel tieferes Mysterium, dem mein allergrößtes Interesse gilt: bei all dem Wahnsinn der Welt freundlich und gut zu bleiben.

Es ist schwer, sich bei der Ausübung eines schlechten Berufes nicht schlecht zu fühlen, doch viel schwerer ist es, sich trotz all der Blicke die Freundlichkeit zu bewahren, das Interesse am Gespräch nie zu verlieren, während die Gäste im Palais ihren Chardonnay gustieren. Ich weiß nicht mehr, wie der Dialog mit dem Kollegen endete, aber ich erinnere mich wieder, warum ich diesen Job mag, trotz allem. Und mir fällt das Lied einer kanadischen Band ein, Damage heißt die Nummer, es geht um Schaden und Narben, und diese eine Zeile: „Scars tell nothing at all.“

Narben erzählen überhaupt nichts, nur wie ich mit ihnen umgehe. Gleiches gilt für den Beruf. 

Montag, 27. September 2021

Die Bibliothek ohne Namen

Immer wieder ertappe ich mich dabei, Dinge zu tun, die mich bei anderen stören; vielleicht ist diese Inkonsequenz menschlich, und somit Teil von mir; es ändert nichts. Ich ertappe mich dabei, wie ich ein Gemälde am Bildschirm anstarre und mich automatisch frage, ob es ein Rubens, ein Monet, ein Warhol ist; und mich noch bestätigt, beinahe stolz fühle, wenn ich richtig liege. Als würde der prominente Name irgendetwas am Inhalt ändern, kann ich nicht einfach nur das Bild betrachten, es anonym genießen, nein, ich muss wissen, wer es gepinselt hat, weil ich trainiert wurde, dem Bild mehr Wert zu schenken, wenn ich seinen Schöpfer kenne – als würde sich das Bild jemals dafür interessieren, wer es gemalt hat.

Es ist Ende September, der Sommer kaum vorbei und schon werben die großen Museen mit den kommenden großen Ausstellungen: Modigliani, Tizian, Munch, es sind immer die Namen, mit denen geworben wird, Namen, die wieder für Massen sorgen sollen, Namen, die Vorverkäufe und Vorfreude auslösen; doch diese Freude hat ihren Preis. Sie fordert Erwartung, fördert Enttäuschung, vor allem aber hindert sie mich daran, das Werk für sich stehend zu betrachten; weil der riesengroße Name nicht zu übersehen ist. Weil er immer darauf, daneben, darüber steht, und sich alle den Namen hingeben, selbst die Experten (vor allem die Experten). Wäre es nicht möglich, muss es nicht möglich sein, den Verrat der Bilder zu betrachten, ohne beim Anblick der Pfeife zu denken, wie genial war dieser Magritte? Kann ich überhaupt ein Kunstwerk genießen, ohne den Schöpfer zu hinterfragen? Und wie befreie ich mich vom elenden Personenkult, dem ich angehöre? 

Natürlich, der Name verkauft sich, und ich muss gestehen, dass ich mich auf angekündigte Werke freue, nur weil ich den Namen des Schöpfers, der Schöpferin kenne und schätze. Doch letztlich generiere ich damit wieder nur Vorurteile, positive, aber doch. Extremer als in den Museen verhält es sich nur in Film und Buch. Ausgerechnet die Literatur, diese rätselhafte Wunderkammer, ist heute so sehr auf die Namen und Herkünfte ihrer Macher fixiert, als hätte es den Tod des Autors nie gegeben. Immer und immer wieder werden die Autoren heute im Text zum Leben erweckt, als hätten sie nach dem Tod noch etwas zu sagen; schlimmer noch, ihre Biografien werden mit ausgegraben und in das Werk hineingelesen oder über das Werk gestülpt, der unhandliche Inhalt wird in einen vermarkt- und haltbaren identitären Darm gepresst, bis die Form den Erwartungen entspricht und sich genießen oder ablehnen lässt – nicht selten, ehe es gelesen wird.

Es hat den Anschein, als könnten (oder wollten) viele Lesende heute nicht mehr zwischen Erzähler und Erzeuger unterscheiden, als müsse das Geschriebene mit der Lebensgeschichte des Schreibenden übereinstimmen, um es zu rechtfertigen, und als wäre umgekehrt eine Erzählung automatisch Gold, nur weil sie selbst erlebt wurde. Borges hat diese eigenartige Fixierung bereits vor langen Jahrzehnten erkannt, in seinen Harvard-Vorlesungen Ende der Sechziger hält er fest, dass wir vom „Sinn für Geschichte belastet, überlastet sind“. Und doch pflegte er den unermüdlichen Optimismus, dass eine Zeit kommen wird, „in der sich die Menschen nicht sehr um die Zufälligkeiten und Umstände der Schönheit kümmern werden; ihnen wird an der Schönheit selbst liegen. Vielleicht werden sie nicht einmal Wert auf die Namen oder Biografien der Dichter legen.“

Von dieser Zeit sind wir heute freilich meilenweit entfernt. Die Tendenz drängt in die Gegenrichtung, Namen und Biografien werden zunehmend essentieller, stellen Erfolgsgründe, geben Halt und Argumente, anstatt wortlos im Werk unterzugehen. Was aber sagt es über mich aus, wenn ich ein Werk nicht mehr losgelöst von Herkunft, Geschichte, Geschlecht seines Schöpfers lesen kann? Und wie verhalte ich mich dann erst gegenüber einem Werk, das anonym geblieben ist? Das herauszufinden, könnte die große Aufgabe, das Ideal einer Zukunft sein, die vielleicht nie kommen wird, weil wir von zuviel Wissen umgeben sind, um es gänzlich auszublenden. Ein Kunstwerk unvoreingenommen und wertefrei zu genießen, das bedeutet, sich auf das Rätsel des Universums einzulassen, alles auszublenden, das nicht im Werk selbst steckt. Das bedeutet, den Autor im Grab zu lassen, den Tod des Schöpfers umstandsfrei zu akzeptieren und alle Namen und Biografien vollständig zu vergessen. Doch solange Kunst über Namen besprochen und (vor allem) über Namen verkauft wird, so lange wird Borges’ kühne Hoffnung einer Welt, in der uns nur an der Schönheit (also der Kunst selbst) liegt, ein rätselhaftes Ideal bleiben, das wir uns mit Wissen und Wertung eifrig vom Leib halten. 

Und doch ist es ein schöner Gedanke, eine Utopie der reinen sinnlichen Erfahrung: in einer kommenden Zeit, einer idealen Welt wären alle Kunstwerke anonym. Auf Gemälden wären keine Signaturen, auf Buchumschlägen und Filmplakaten nur noch die Titel zu finden. Ich würde keinen Monet mehr betrachten, sondern eine Seerose, keinen Magritte, sondern nur das Bild einer Pfeife. Und ich würde nicht Borges zitieren, sondern nur seine zeitlosen, anonymen Texte, die in jeder guten Bibliothek ohne Namen aufliegen würden.