Jeder, der
jemals in Aufsicht oder Handel gewerkt hat, kennt ihn: den Typ Mensch, der
immer fünf Minuten vor der Schließung kommt, der nur noch kurz einen Blick
riskieren möchte, der sich dreimal sagen lässt „Wir schließen jetzt“, bevor er
sich, höchst widerwillig, zum Ausgang bewegt, und dabei immer, immer, noch
einmal stehenbleibt, um sich nur noch kurz dieses eine Bild anzusehen, nur noch
ein Foto zu schießen, ganz schnell, natürlich, und vielleicht noch ein Blick
auf die Uhr: Sie schließen doch erst in einer Minute.
Letzten
Samstag, im Auktionshaus: eine Dame kommt in die Schaustellung, die
Zwischentüren schließen bereits. Sie fragt nach einem Künstler, nie gehört, ich
verweise sie an den Katalog im Netz, leider, wir schließen schon. Ob sie nicht
noch eine Runde gehen dürfe, sagt sie hartnäckig, sie wäre schließlich viel zu
lange bei dem Schmuck hängengeblieben, der sie ja gar nicht interessiere. „Tut
uns leid, wir schließen.“ Und ob bei den Möbelstücken nicht etwas Asiatisches
dabei ist, fragt sie weiter, schielt an mir vorbei in die Ausstellung, ob sie
nicht noch einen Blick riskieren könne. Ich bin versucht, mit ihr zu
diskutieren, schließlich retten mich meine Kollegen: „Wir haben schon zu.
Kommen Sie Montag wieder.“ Die Worte fallen wie die Tür ins Schloss, die Dame
wendet sich wortlos ab, eine Beschwerde ist zu erwarten; ihr Menschentypus
liebt Beschwerden.
Immer und
immer wieder stoße ich auf diesen Typus, auf diese Damen und Herren, die das
Prinzip der Öffnungszeiten nicht verstehen oder akzeptieren wollen, weil sie einfach
nicht verstehen oder akzeptieren können,
dass man für sie keine Ausnahmen macht. Es müssen Menschen sein, denke ich, die
selbst nie an unserer Stelle waren, die niemals in ähnlicher Position
gearbeitet haben wie eine Aufsicht; die Worte „Wir schließen jetzt“ empfinden
sie als eine Art persönliche Anfeindung, eine Beleidigung, die speziell und
ausschließlich gegen sie gerichtet ist, und sie können nicht nachvollziehen, können
einfach nicht begreifen, warum wir nach acht Stunden in den schwarzen,
durchgeschwitzten Dienstschuhen nicht noch ein paar Minuten für sie dranhängen.
Weil sie nie in unseren Schuhen gestanden sind.
Es ist der
Mangel an Erfahrung, der zu einem Mangel an Respekt führt. Nicht zu wissen, wie
es ist, nach einem langen, ausgestandenen Tag nach Hause zu wollen, in der
letzten Stunde schon jede Minute zu zählen, weil die Kniescheiben knirschen,
der Magen knurrt, die Unfähigkeit, sich in eine Aufsicht hineinzuversetzen, die
mit allerletzter Freundlichkeit zum Ausgang bittet, sie ist das Kennzeichen
aller, die um fünf vor Sechs noch einmal durch die Ausstellung wollen, die
alles immer in letzter Minute wollen; nur nicht gehen. Hätten diese Menschen
nur einen einzigen ganzen Tag im Museum, im Schauraum, im Dienstanzug
verbringen müssen, dann wären sie bereits ein anderer. Dann würden sie
vielleicht verstehen (respektieren), dass vor den finalen Minuten viele Stunden
standen, dass keine unnötige Strenge, kein persönlicher Affront in den Worten
„Wir schließen“ steckt, und vielleicht, vielleicht würden sie dann in Zukunft
sogar rechtzeitig kommen, um fünf Minuten vor der Zeit zu gehen. Von selbst.
Aus Respekt.
Natürlich,
die Hoffnung darauf ist gering. Was bleibt, ist die Möglichkeit, an ihrem Beispiel
mich selbst zu prüfen: es ihnen nicht gleichzutun, wann immer ich privat durch
Museumsräume, Buchhandlungen, Supermarktregale streife. Aus Respekt vor denen, die
den Laden am Laufen halten, bis zum Schluss. Nicht länger.