Freitag, 30. November 2018

Gefühl der Heimat

Es gibt eine beliebte Buchhandlungskette in der Stadt, es ist unmöglich, sie nicht zu kennen. Unmöglich, das Logo nicht schon einmal gesehen zu haben, das mit der grünen Dame, mit der namensgebenden, windigen, grünen Muse, die den kobaltblauen Schriftzug neben ihr anlächelt oder verbläst, je nachdem.

Heute stehen die Zeichen auf Sturm. Es ist der 28. November 2018 und wieder trete ich in ihre Filiale am Rand der Flaniermeile, presse mich durch eine unzählbare Masse an Menschen, als wäre ich immer noch im Museum, gefangen im monetschen Ausnahmezustand. Und irgendwo, da stimmt es auch, für mich ist es ein Museum: Jedes Buch ein Exponat, jede Bindung ein Kunststück, jeder U4-Text ein Kuratorenwitz. Es ist ein Museum ohne Aufsicht, eine Ausstellung zum Anfassen, bunt, global und wechselhaft, hunderte, tausende Künstler und Werke, in die man sich hineinlesen muss. In dieses Museum verschlägt es mich, tagein, tagaus, hier stöbere, suche, finde ich die Bücher, die ich später in einem Laden kaufe, von dem niemand das Logo kennt. Weil er keines hat, nie eines haben wird.

In der Kettenfiliale dagegen ist alles Logo. Auf Regalen, am Sackerl, auf Lesezeichen, Übersichtsplänen, überall prangt die kobaltblaue Schrift, der Name, die Marke. Sie ist es, die die Massen abholt, die Räume und Konten füllt. Menschen mögen Marken, immer schon. Ein frittengelber Doppelbogen, eine zweischwänzige Kaffeenixe, eine grüne Büchermuse – die Marke schenkt Vertrauen und Zuversicht. Immer schon ist sie bekannt, nie überrascht sie; und was nicht überrascht, kann nicht enttäuschen. Sie ist das Wissen: Was ich hier bekomme, das ist vielleicht lieblos, ist vielleicht überteuert, ist vielleicht nicht besonders – aber ich bekomme es. Die Marke ist der Schutzpatron der Beständigkeit. Sie ist der Tod der Überraschung, das Ende des Empfindens. Sie ist Wohlstand. Ein Privileg.

Die Filiale auf der Flaniermeile hat drei Stockwerke. Im ersten Stock ist eine Toilette, auf der Toilettentür ein Schild, auf dem Schild eine Information. Sie lautet: „Aus Gründen der Sicherheit und Hygiene bitte [sic] wir sie [sic] keine Ware in den Toilettenbereich mitzunehmen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!“ – Nein, ich erfinde, ich träume das nicht, ich will schwören, dieses Schild existiert, und es ist wohl tatsächlich die beste, die klarste Erklärung für ein diffuses Gefühl, das sich immer nur schüchtern und unvollständig erklären lässt: Das Gefühl meiner Heimat. Die Marke hat mir die Überraschung genommen, dieses Schild nimmt mir die Mündigkeit. Ich lebe in einem reichen, demokratischen Staat, in dem das Bedürfnis herrscht, seine Bürger schriftlich darauf hinweisen zu müssen, keine ungekauften Bücher zum Scheißen auf eine Buchhandlungstoilette mitzunehmen. Aus Gründen der Sicherheit und Hygiene.

Heute ist der 28. November 2018, nur zwei Länder weiter tritt gerade das Kriegsrecht in Kraft, und in meiner nächsten Umgebung herrschen akute Sicherheitsbedenken, dass der Volksverstand nicht ohne Hinweis fähig ist, seine Notdurft in der Halböffentlichkeit ohne ungekaufte Neuware zu verrichten. Soviel Freiheit, soviel Frieden und Wohlstand zu besitzen, um einen solchen Hinweis überhaupt formulieren zu können (der, im schlimmsten Fall, seine Berechtigung hat) – das, würde ich sagen, ist die Kurzfassung dessen, was meine Heimat ausmacht oder kleinmacht, je nachdem. Ein Privileg.

Montag, 26. November 2018

Position und Sprache

Ein Grund, warum ich meinen schlechten Job so mag, sind meine Kollegen. Ich arbeite neben wundersamen, unwahrscheinlichen Menschen mit diversesten Lebensläufen und Geburtsflaggen, ich diene weniger den vereinzelten Museen, als den Vereinten Nationen: Österreich, Ungarn, Italien, Deutschland, Schweiz, Schweden, Rumänien, Serbien, Kosovo, Türkei, Tunesien, Syrien, Iran, Ägypten, Kanada – ich kenne keinen Beruf, in dem mehr Internationalität herrscht als in der Museumsaufsicht.

Ein paar meiner Kollegen sind geflüchtet, viele studiert, niemand verbohrt. Die meisten haben Träume, oder zumindest Ziele, andere hatten sie, leben jetzt das Scheitern, ich bewundere sie alle. Viele sind jung, viele sind Teilzeit, manche über Fünfzig, alle unterbezahlt. Es ist die eine, die große Klammer, die uns alle eint, die Ironie der Gerechtigkeit in der Geringschätzung: egal, wie alt, egal, welches Geschlecht, egal, woher man kommt, egal, wie lange man die Stelle hält – wir alle verdienen gleich wenig. Nirgendwo herrscht mehr Gleichberechtigung als in einer Berufsposition, die nichts verspricht.

Hier, in den fensterlosen Ausstellungsräumen, hier gibt es keine geschlechtsabhängigen Gehaltsscheren, gibt es weder Über- noch Unterqualifikation, weder Bevorzugung noch Ausschließung. Jede und jeder ist herzlich willkommen, für einen Hungerlohn Position zu beziehen und sich die Kniescheiben schleichend zu zermürben; solange man nur annähernd die Sprache beherrscht. Es ist wirklich die einzige Voraussetzung für den Dienstanzug: Sprechen Sie Deutsch. Und jedes Mal, bei jedem Dienst, freue ich mich über die unikalen Akzente im Funkverkehr, die durchklingenden Herkünfte, die in mein Ohr rauschen, und ich kann wieder nicht fassen, wie man sich diese abgrundtief alogische deutsche Sprache innerhalb kürzester Zeit aneignen kann, wie man Deutsch überhaupt als Fremdsprache lernen kann oder möchte, und zu welch einmaligen Versprechern die Unbedarftheit fähig ist und wie überwältigend poetisch die winzigen grammatikalischen Fehlpässe meiner ausländischen Kollegen durch mein Gehör klingen und mir den Tag retten. Ein Haufen Dichter, und keiner von ihnen weiß es.

Es ist schon wieder ein Mittwoch, ich stehe wieder zwischen Monets Millionenimpressionen und unterdrücke meine konstante Müdigkeit, als plötzlich der Kollege aus Raum 1+2 in meine Richtung hetzt. Er wirkt ausgelöst, in großer Eile, verlässt seine Position, um mich einzuweihen, ich rechne mit dem Schlimmsten. Ein Notfall, ein Bildschaden, eine Herzattacke. Der Kollege bleibt abrupt stehen, nickt mir zu und sagt: „Du bist doch Österreicher, oder? Was ist der Unterschied zwischen rechnen, berechnen und verrechnen?“ – Ich bin eine Sekunde verwirrt, vielleicht zwei, dann erst begreife ich und versuche, es ihm zu erklären; es ist nicht leicht, es ist wirklich nie leicht, die deutsche Sprache einfach zu erklären, sie simpel und kurz zu halten. Ich suche Beispiele und Anschaulichkeiten, stottere, gestikuliere, der Kollege scheint dennoch zufrieden, geht zurück auf Position. Und erst Stunden später erkenne ich, dass die Antwort auf seine Frage im Grunde kinderleicht und völlig klar ist: rechnen heißt mit Zahlen spielen, berechnen heißt mit Resultaten spielen, und verrechnen heißt scheitern, also Leben spielen.

Im Übrigen ist die Aufsicht aus Raum 1+2 Ägypter; und studiert Germanistik.

Mittwoch, 7. November 2018

Monet verbindet


Ich lausche. Beobachte und lausche, schärfe meine Sinne, während ich neben der Gruppe stehe und der unendlich angenehmen, angelernt klaren Stimme der Kunstvermittlerin folge, die den Massen Monet erklärt. Seit einigen Wochen schon stehe ich wieder in einem neuen Objekt, dem wertvollsten Museum der Stadt, und hier, jetzt, heute, setzt Monet die Menschen in den Fluss, Menschen über Menschen über Menschen, die seinen fließenden Farben folgen. Nur für ihn, nur für den extravaganten Impressionisten öffnet das Haus schon eine Stunde früher, lässt mich eine Stunde länger mitfließen und ausfließen. Ich will ihm böse sein, doch es geht nicht, weil ich seiner Geschichte lausche, weil sie zu gut ist; Monet mag man eben.

Und tatsächlich, alle mögen ihn, besonders die späten Semester. Es ist ein Mittwoch, es ist, als würden alle alten Menschen dieser Stadt einheitlich in die Ausstellung pilgern, durch die fließenden Räume voller Seerosen, Winterlandschaften und hängenden Gärten. Als hätten sich alle Altersheime gleichzeitig entleert, ein gemeinsamer Ausgang, vielleicht einer der letzten, jedes Husten, jeder ihrer Schritte macht mir Sorge. Und immer wieder läutet ihnen das Telefon, das smarte, das jeder von ihnen besitzt, aber niemand bedienen kann, und immer wieder ist ihr Klingelton ein Albtraum, und nie finden sie das Gerät vor dem fünften Läuten, und nie, nie wissen sie sofort, wie man es abstellt, leiser macht, ausschaltet – warum schaltet ein Pensionist sein Telefon im Museum nicht aus? Und wer ist das nur, der ihn ständig anruft? Die verschollene Enkelin? Der Hausarzt?

Mit verstörender Verlässlichkeit läuten die Telefone der alten Massen, nicht nur heute, seit Wochen schon, während mir die Beine schwer werden, die Sohlen wieder Feuer fangen, und nicht einmal der samtweiche, monetblaue Teppichboden etwas hilft. Doch ich lausche. Ich lausche weiter und sehe den so unheimlich beliebten Franzosen in neuem Licht. Und ich erfahre, dass Schönheit nicht absolut ist, dass selbst Monet nicht immer schon schön war und sein erster Erfolg erst spät kam, sehr spät, erst mit Fünfzig. Seine erste Einzelausstellung soll die Leute gar so verstört haben, dass ein Besucher auf die Straße lief und einen Passanten in den Arm biss. „Warum hast du einen Menschen in den Arm gebissen?“, hätte man ihn gefragt. „Wegen Monet“, hätte er geantwortet.

Hundert Jahre später gilt dieselbe Kunst, die bis zum Menschenbiss verstörte, als eine der ästhetischsten, zartesten Farbanordnungen der Kunstgeschichte. Hundert Ölwerke hängen heute in der Ausstellung, jedes einzelne in Millionenhöhe versichert. Und er, der seine eigenen Farben mit dem Alter nicht mehr recht sehen konnte, er verbindet die einstige Ablehnung mit der heutigen Anerkennung, die Vergangenheit mit der Gegenwart, das Fließende mit dem Konservierten, die Alten mit den Jungen. Denn da, plötzlich, inmitten all der gebrechlichen Kunstveteranen, schlüpft ein Kind aus den hustenden Massen, und ich sehe, beobachte, wie es an der Kunstvermittlerin vorbeischlendert, wie ein verlorenes Wesen in der falschen Epoche, ein Kind mit Interesse, ein Kind mit Stil, es trägt einen schwarzen Pullover, und darauf in weißen Lettern die klare Botschaft: NOW IS THE NEW LATER.

Das ist sie, denke ich, die Wahrheit dieses Mittwochs, das ist die Zustimmung, die ich geben kann, will, werde. Jetzt muss man in diese Ausstellung gehen, jetzt muss man schreiben, jetzt muss man Monet mögen – und wenn nicht für seine Seerosen und Spaghettigärten, dann doch zumindest für die Tatsache, dass er bis Fünfzig geschmäht wurde und seine Zeitgenossen so aufwühlte, dass sie sich ineinander verbissen. Monet verbindet.

Donnerstag, 1. November 2018

Dienstag, 16. Oktober 2018

Die vierte Essenz

Sein Leben bestehe im Grunde aus vier Dingen, soll Borges einmal gesagt haben. Lesen, Denken, Schreiben und Genießen. Letzteres, fügte er an, sei ihm das Wichtigste gewesen. Warum aber fällt es oft so schwer, bedingungslos zu genießen, warum wirkt dieses Empfinden wie die Ausnahme und nicht die Regel? Anders gefragt: Warum fällt es so schwer, in dem Moment zu sein, in dem Moment sein zu wollen?

Ich denke, es ist so: Ich kann den Moment deshalb nicht genießen, weil ich eigentlich nicht hier sein möchte. Genuss erfordert vollkommene Akzeptanz der Gegenwart, die aus Zeit und Raum besteht. Und am Raum scheitert es; wenn ich die vierte, fünfte Stunde im Museum stehe, wehen meine Gedanken schon dem Ende der Schicht entgegen, sehnen sich nach dem Andernorts. Warum? Weil ich Hunger habe, weil die Sohlen brennen, weil ich Lesen, Schreiben, Schlafen möchte. Dinge, die ich in einer Monet-Retrospektive einfach nicht tun kann. Dinge, die der Dienstanzug nicht zulässt.

Dabei wäre jede Arbeit, jeder Museumsdienst so viel angenehmer, wenn ich ihn einfach bedingungslos annehmen würde, wenn ich die Tätigkeit ohne Sehnsucht genießen könnte. Ich kann eine Dienststunde nicht genießen, das heißt nichts anderes als: Ich möchte nicht hier sein. Ich möchte an meinem Esstisch, an meinem Schreibtisch sitzen, möchte mich im Lichtspielsaal verstecken, die Luft am Flussufer atmen, Kaffee aufsetzen, vielleicht verreisen. Weil es nicht geht, werde ich ungeduldig, frustriert, apathisch, im schlimmsten Fall verbittert. Jedes schlechte Gefühl ist ein Produkt des unglücklichen Zwanges, in einer Situation sein zu müssen, aus der man nicht raus kommt. Oder rauskommen könnte, aber sich vor den Konsequenzen scheut. Ein bemüht oberflächliches Gespräch mit einem Kollegen, der mir nichts sagt: Ich wünschte, ich wäre nicht hier. Jede schmerzhafte, peinliche Kindheitserinnerung kennt diesen Gedanken, den ersten Gedanken im Moment der Entblößung: Ich wünsche mich an einen anderen Ort. Ich wünsche mich überall hin, nur nicht hier, nur nicht in diesen Moment, von dem ich weiß, dass er sich einprägen wird. Das Gegenteil von  Genuss: Scham.

Wie so viele Schriftsteller war Borges im Leben nicht halb so gut wie im Schreiben (litt unter seiner Schüchternheit, hat sich wegen einer Frau fast umgebracht). Vielleicht hat er deshalb die Wichtigkeit des Genießens erkannt: weil es so schwer zu erreichen, noch schwerer zu bewohnen ist. Wenn ich meine Kindheit, meine Arbeit, mein Leben nicht genießen kann, weil ich mich immer am falschen Ort fühlte und fühle, mich wieder einmal für den Dienstanzug schäme, dann denke ich wieder an die vierte Essenz des Borges und versuche, selbst den falschen Ort zu mögen, ihm eine Chance zu geben, trotz allem. Und vielleicht ist das, irgendwo, die Aufgabe eines Lebens: hier sein zu wollen. Jetzt.

Mittwoch, 1. August 2018

Brief an Cocteau

Es gibt eine Stelle in Jean Cocteaus Kinder der Nacht, da wird von einem absurden Zimmer berichtet. Nachdem Elisabeths Angetrauter Michael, ein perfekter, unfassbar amerikanischer Dandy, an seinem teuren Dandyschal krepiert (während der Fahrt im Sportcabrio weht ein Schalende in die Reifen und reißt seinem Träger den perfekten Kopf ab), nach diesem unschönen Unfall, wird der jungen Witwe das Haus des Toten vererbt; in das sie kurz darauf mit ihrem Bruder Paul, einer Schachfigur (Gérard) und einer tragischen Unschuld (Agathe) einzieht. Zu viert leben sie ohne Verpflichtung, ohne Ziel in Michaels perfekten Milliardärsbau, der kühl und steril in fünfzig makellosen Grautönen steht.

Bis auf dieses eine, absurde Zimmer. Eine unscheinbare Galerie, die gar keine ist, die kein Mensch brauchen kann, die trotzdem nicht weggeht, der störende Rest einer Division mit falschen Zahlen – Kanapee, Schaukelstuhl, Globus, ein paar Leerstellen, ein Billardtisch, viel zu hohe Fenster, kurzum: nichts passt zusammen in diesem Zimmer. Und genau dieser Umstand macht ihn zum Herzstück einer sonst seelenlosen Maschine – „wo bei Michael ein Berechnungsfehler auftrat, dort konnte das Leben erscheinen; dies war der Augenblick, wo die Maschine menschlich wurde und zurücktrat.“

In den Augen von Elisabeth und Paul ist dieser Raum aus Stilbrüchen, dieses obskure, heimliche Restzimmer einer vermeintlichen Perfektion der einzige Ort, an dem das reiche Erbe menschlich wird. Mehr noch: selbst der tote Besitzer erhält durch dieses Zimmer erst seine Menschlichkeit. Ohne es zu wissen, hatte Elisabeth diesen reichen Amerikaner nur wegen einer ärgerlichen Rumpelkammer geheiratet. Denn „dieser ungeheuerliche Abstellraum war Michaels Schwäche, sein Lächeln, das Beste seiner Seele.“

Ich stelle mir vor, dass Cocteaus Ironie vor diesen Worten stockte, dass sie kurz innehalten musste, weil der Autor an das Empfinden seiner schrecklich jungen Helden wirklich und fest geglaubt hatte. Weil er wusste, dass die eigentlichen Glanzlichter des Lebens aus seinen versteckten kleinen Nischen blitzen, die weder Nutzen, noch Vorzeigewert haben, und gerade deshalb so kostbar sind – sie posieren nicht, sie stehen einfach für sich. Sie sind verträumte Kunstwerke, Refugien, die niemand brauchen und niemand schätzen kann, außer diejenigen, die in ihnen wohnen, in ihnen leben.

Dass bei Cocteau noch Intrige, Gift und Selbstmord in dieses Zimmer finden – geschenkt. Die Tradition des Romans verlangt nach solcher Tragik, der Erfolg bekräftigt sie. Mich lässt es kalt. Wenn ich Kinder der Nacht lese, interessiert mich die reine Idee des Zimmers so viel mehr als das spätere Lügenschach, die kalkulierte Liebelei, der Abgang darin. Nicht für den Abriss des Bürgertums, sondern für den Aufbau eines Kleinkunstreiches bewundere ich Cocteaus zeitlose Erzählung. Für die feine Hervorhebung dessen, was die Welt sein kann, wenn ich sie so sehen will, sei es auch nur kurz: Ein kunstsinniges Zimmer voller Seele und Stilbrüche, in dem ein lächelndes Herz schlägt.

Dieses Zimmer gilt es zu finden.

Sonntag, 22. Juli 2018

Die abgewandte Eva

Es gibt eine Regel, vielleicht die wichtigste: Jeder gesunde, erwachsene Mensch hat eine Eigenverantwortung für sein Tun. Hormone? Ausrede. Druck? Ausrede. Geld? Ausrede. Gott? Tot. Ich allein bin verantwortlich für meine Entscheidungen, meine Handlungen und Nichthandlungen. Auch wenn es nie so einfach ist, es nie sein kann; die Verantwortung ist da.

Es gibt welche, die entscheiden sich dafür, von einem Tier an der Leine gezogen zu werden. Es gibt solche, die entscheiden, ganz bewusst, sich gegen Geld heiße Tinte in die Haut ritzen zu lassen. Es gibt Menschen, die entscheiden sich für die Wirtschaft, das Schreiben, den Nachwuchs, Stabhochsprung, die Politik.

Und es gibt Menschen (nicht wenige), die entscheiden sich dafür, einer Frau auf den Po zu klapsen. Bei meinem heutigen Dienst im Touristenschloss: im ersten Stock beobachte ich einen Mann (schwarze Lederjacke, Bauch), der neben einem zweiten an der vergoldeten Fensterbankkante lehnt, direkt hinter der lebensgroßen, nackten Evastatue von Auguste Rodin, sehr gelassen, fast gelangweilt. Plötzlich stoßen sich die beiden Männer ab, bewegen sich in den Raum, vorbei an der Eva im Adamskostüm, und der Lederjackenmann gibt Rodins verschämtem Meisterwerk im Vorbeigehen zwei – nicht einen: zwei – Klapse auf den harten Hintern. Ich starre den Typen fassungslos an, er trifft meinen Blick, ich schüttle den Kopf, er macht eine dumme, entschuldigende Pantomime, lächelt hinterher, verschwindet mit dem Kumpel im nächsten Raum. Ich bleibe zurück und drehe meinen Kopf zu ihr: Rodins Eva hat den Blick längst abgewandt, seit 1881 wendet sie den Blick ab, ich kann es ihr wirklich nicht verübeln.

Was bewegt einen Menschen, so zu sein? Wäre ich nicht im nächsten Moment zur Pause abgelöst, ich wollte die schwarze Lederjacke aufhalten und sie fragen, warum. Ich habe gesehen, was Sie getan haben, wir sind zwei erwachsene Menschen, ich möchte nur den Grund, das ist alles. Natürlich, ich weiß, es gibt die Nur-Sager, wahrscheinlich ist er einer von ihnen: ist doch kein Mensch, ist doch „nur“ eine Statue. War doch „nur“ Spaß. Nur, nur, nur – wer hat dieses unnütze Wort überhaupt erfunden? Mit „nur“ ist nichts zu holen, nichts zu gewinnen, nichts zu entschuldigen.

Ob ich der Skulptur, der Kollegin oder der Direktorin auf den Hintern klapse – was ändert es? Letztlich gibt es nur eine Frage, die ich mir stellen muss, jeden Tag aufs Neue: Was für ein Mensch möchte ich sein? Wenn ich zufällig ein Mann bin, und der Mensch sein möchte, der Frauen auf den Hintern klapst, dann ist das meine Entscheidung. Wenn ich in den Fünfzigern, Sechzigern geboren wurde, wird es mich vielleicht verwundern, warum jetzt so eine große Sache daraus gemacht wird; es ändert nichts an der Aktion an sich. Ein öffentlicher Klaps auf den Hintern einer Fremden, einer Kollegin, einer Eva, es war niemals „nur“ ein Klaps. Es war immer schon und wird immer eine ziemlich lächerliche, peinliche, sich selbst erniedrigende und für einen Beobachter zum Schämen lausige Aktion sein – völlig egal, ob es eine Konsequenz nach sich zieht oder nicht.

Was für ein Mensch möchte ich sein? Bis heute weiß ich keine befriedigende Antwort auf diese Frage. Wohl aber weiß ich, was für ein Mensch ich nicht sein möchte. Leute wie der Lederjackenmann machen sie mir sehr einfach, diese Entscheidung.