Montag, 29. März 2021

Momente und Alltag

Manche kleinen und unscheinbaren Erinnerungen wirken umso wertvoller, je unwahrscheinlicher ihre Erfahrung in der Gegenwart wäre. Ich erinnere mich an eine Zeit, als es noch regelmäßig Konzerte gab, mit Publikum, in geschlossenen Räumen. Ich erinnere mich an einen Dienst, vor knapp vier Jahren, eine meiner ersten Aufsichten im Glasbau für moderne Kunst. Ich stand in der Haupthalle und überschaute den Aufbau für ein Konzert, das an diesem Abend stattfinden sollte. Eine deutsche Punkband, die ihre besten Tage (Monate, Jahre) bereits hinter sich hatte, wollte es noch einmal wissen, schickte sich in Gatsby-Manier an, die Vergangenheit zu wiederholen und die eigene Bandgeschichte zu befeiern; denn genau hier, in dieser Stadt, in diesem Bau, geigten sie vor genau 25 Jahren auf. 

Damals waren sie jung, wild, hungrig, Kult. Heute sind sie sechs alte Herrschaften, denen ich die Tür aufhalten darf. Denn meine Position ist an der Fluchttür, rechts neben der Bühne, dort, wo es in den Garten und zu den Parkplätzen geht, wo der bescheidene, unauffällige Bandwagen steht. Ich öffne ihnen die Tür, die nur von innen aufgeht, damit die alten Nichtkonformen ihre schweren Instrumente hereinschleppen können, und betrachte diese Künstler, die ihre Berufung nicht verfehlt haben. Vor 25 Jahren müssen sie Idole gewesen sein, denke ich, haben die Wut, den Frust einer jungen Generation in die Mikrofone gerotzt, den Plattenbau zum Beben gebracht, Zeilen für die Ewigkeit verfasst. Helden waren sie früher, doch das Alter macht sie mir zu etwas anderem: zu echten Menschen.

Sie werden mir in dem Moment zu Menschen, als der Gitarrist kurz vor Konzertbeginn an mich herantritt und leise, fast schüchtern um einen kleinen Gefallen bittet: Wenn ich sehe, dass er vor der Zugabe auf mich zukommt, soll ich sofort die Tür aufhalten, damit er in den Garten und schnell wieder zurück kann; ein ganzes Konzert halte seine Blase heute einfach nicht mehr aus. Ich nicke automatisch, lächle die Verblüffung weg, und der Gitarrist zwinkert mir verschwörerisch zu, das bleibe unter uns, wäre unsere kleine Abmachung. In dem Moment sind wir nicht Aufsicht und Gitarre; wir sind Komplizen, zwei Verbündete.

Der Nachmittag vergeht, es wird Abend, draußen dunkel und das Konzert beginnt. Ich stehe an der Fluchttür, sehe aus der Distanz hinüber zur Bühne, die von vier gealterten Menschen betreten wird, Menschen, die sich mit dem ersten Akkord sofort wieder zurückverwandeln, in die lauten, bunten Punks ihrer Jugend, und für zwei Stunden, da sind sie wieder ihre eigenen Kinder, die Helden von früher, der Sänger ein hüpfender Protest aus Farbenfetzen, alle Regenbogentöne trägt er am Leib, lässt eine Schicht nach der anderen fallen, bis er mit freiem Oberkörper gegen die Zeit anschreit, und dann, tatsächlich, kommt der Moment, mitten hinein in das Abebben des Abschlusssongs, ihrer größten Hymne: Während der Bass noch brummelt, das Schlagzeug trommelt, die Menge jubelt, legt der Gitarrist das Instrument ab, dreht sich in meine Richtung und rennt abrupt von der Bühne, in unfassbarem Tempo rennt dieses kleine Männlein auf mich zu, ich halte die Tür auf und es verschwindet im Garten hinter dem Museum; keine Minute später kommt es zurückgerannt, wieder halte ich die Tür auf und schon steht der Gitarrist wieder am Instrument und die Zugabe strotzt vor altersloser, endloser Energie.

Später, als das Publikum schon lange weg ist und der Abbau schon begonnen hat, kommt er noch einmal zu mir, zu seinem Komplizen, und bedankt sich, ehrlich zufrieden, das hätte wirklich ganz toll geklappt. Bis heute habe ich diese Bilder, seine Worte nicht vergessen; der Moment, in dem er auf mich zurennt, diese irre Geschwindigkeit, die geheime Abmachung, die wundervolle Offenheit, die aufrichtige Schwäche.

Damals war es eine Anekdote, ein ziemlich guter Dienst. Heute ist es einer der schönsten und menschlichsten Konzertmomente, an die ich mich erinnere – und mit jedem veranstaltungsfreien Pandemietag scheint er mir klarer und wertvoller.

Dienstag, 16. März 2021

Super Mario, neu erzählt

Zwei hoffnungsfrohe Brüder verlassen ihre sonnige, kaputte Heimat, um in einem fernen Land ihren Traum von Freiheit auszuleben. Sie gründen ihren eigenen Betrieb als Meisterklempner, der eine trägt Rot, der andere Grün, die Farben ihrer Heimat, und mit weißen Handschuhen und dunklen Schnurrbärten wollen sie im großen Stil das schnelle Geld machen, das Klempnereigeschäft auf eine neue Ebene heben. Doch die Geschäfte laufen schlecht.

Eines Tages erhalten sie einen Anruf, unverhofft, von hoher Adresse. Der Ältere hebt ab, er soll sich um ein verstopftes Kellerrohr in einem Schloss kümmern. Ohne seinen kleinen Bruder einzuweihen, nimmt er den Auftrag an; geblendet vom Geld, wittert er seine große Chance, er will sich allein beweisen und alleine abräumen, hat nur noch die vielen, glänzenden Münzen vor Augen.

Er schlüpft in seine rote Montur und die blaue Latzhose und begibt sich zum entlegenen Anwesen. Doch in den verworrenen Heizkellern verzweifelt er am schier unendlichen System an Rohren, bis er von fern eine Musik vernimmt, die ihn verzaubert; er lässt die Arbeit liegen und folgt der beschwingten, fremden Melodie durch die Schlossgänge, hinauf zu dem Festsaal, aus dem sie ertönt. Er schielt durch den Türspalt und traut seinen Augen nicht: Der gesamte Saal ist mit Rosen geschmückt, dutzende Gäste tanzen in bunten, fantastischen Kostümen, sind verkleidet als Amphibien, Pilze, Pflanzen und Baumwerk, und zwischen ihnen, da erkennt er eine blonde Erscheinung im bodenlangen Märchenkleid, eine Krone auf dem hellen Haupt, und sieht nichts mehr außer ihr. Der Klempner weiß nicht, dass sie die Frau des Schlossherrn ist, es wäre ihm auch egal, denn sein Herz, seine Lenden führen ihn bereits, und er vergisst das Rohrproblem, alles Geld der Welt, er will nur noch sie.

In seiner roten Montur, die rote Kappe ins Gesicht gezogen, mischt er sich unter die Ballgäste, nähert sich ohne zu zögern der falschen Prinzessin; ein Lächeln, ein paar Worte, und sofort verfällt sie seinem Akzent, dem südländischen Charme, zieht ihn sofort mit sich in die Séparées – er weiß nicht, dass sie seit Wochen und Monaten auf diese Chance gewartet hat, auf ein schnelles Abenteuer, einen Auswärtigen, um sich endlich aus dem tristen Alltag zu befreien, der Abhängigkeit ihres Gatten zu entkommen; er weiß es nicht und er wird es nie erfahren, denn der Schlossherr überrascht die beiden in der Dienstkammer – außer sich vor Zorn sperrt er seine Frau in das Turmzimmer und schert den Klempner zum Teufel.

Noch Jahre später kann der Mann mit dem Schnurrbart diese Begegnung nicht vergessen. Von seinem kleinen Bruder hat er sich längst entfernt, den Beruf schon lange verloren, doch immer noch trägt er die rote Montur von damals, und immer noch hofft er, sie eines Tages wiederzusehen, die Eine, die Einzige, seine Prinzessin, die wie Pfirsich roch. In Träumen sucht er sie, sucht ihr bodenlanges Märchenkostüm, ihren Duft, ihren Zauber, die Musik, die ihn damals gelockt hat und die er nie wieder vernahm. Er läuft einem falschen Ideal hinterher, doch er erreicht es nicht, findet nie ans Ziel. Er verliert den Verstand um sie, ist längst irre, und noch in seiner Zelle, ganz in Weiß, wird er auf und nieder hüpfen und nach der Prinzessin rufen und ihr schwören, sie zu befreien, sie endlich aus ihrem Schloss zu befreien.

Mittwoch, 10. März 2021

Panierte Schrecken

Ich flaniere über einen Jahrmarkt aus warmen Farben, allein und gedankenlos, treibe durch den Trubel um mich herum, unter rotgelben Lichtern, ohne zu wissen, wie ich hierher gekommen bin (es stimmt schon, was DiCaprio in Inception sagt, man weiß wirklich nie, wie man im Traum irgendwo hinkommt). 

Obwohl ich mich nicht erinnere, etwas konsumiert zu haben, erwache ich am nächsten Morgen verkatert im Haus meiner Kindheit; ich renne umgehend von meinem alten Zimmer ins Bad und starre schockiert auf das Bild, das mich dort erwartet: Die Kloschüssel, das Waschbecken, sie sind verstopft und überfüllt mit Unmengen an panierten Hühnerteilen. Zwei Berge aus Backhendln ragen aus den rosakalten Keramikschlünden, dicht an dicht, quellen hervor wie panierte Geschwüre, haufenweise Gasthausabfälle, die mein Badezimmer überwuchern. Doch es ist nicht dieses widerwärtige Szenario, dass mich in Angst, Panik, Schrecken versetzt, es ist die Lücke, die mich wirklich entsetzt, diese schreckliche Lücke: Ich spüre unendliche Angst, weil ich nicht mehr weiß, wie und woher die unzähligen Hühnerstücke in das Bad kommen – und ob ich sie womöglich selbst geholt habe, vom überfüllten, unklaren Jahrmarkt.

Das wahre Grauen, der tiefste Schrecken, sie kommen (in Traum wie Literatur) allzu oft aus der Unschärfe, der eigenen Unwissenheit; der unruhigen Angst vor mir selbst und meinen fluiden Erinnerungen. Warum weiß ich nicht, was zwischen Jahrmarkt und Morgengrauen passiert ist? Weshalb kann ich nicht sagen, wie die Paniergeschwüre in mein Haus gelangten? Und vor allem: Wäre ich wirklich dazu fähig, könnte ich selbst mein eigenes Kindheitsbad mit Backhendlbergen vermüllen? Weil ich es nicht widerlegen kann, klopft das Herz. Weil ich es nicht glauben will, hält die Panik an. Nicht im Bild, im Gedanken dazu sitzt der panierte Schrecken, sitzt, bleibt, lähmt mich, bis endlich das Handy läutet.

Als ich am nächsten Morgen aufwache, gibt es keinen Jahrmarkt und keine überfüllten Orte. Und halb verstört, halb erleichtert wird mir bewusst: Ich habe seit Pandemiebeginn nichts Paniertes mehr gegessen.

Freitag, 5. März 2021

Fragment eines Museums der Zukunft (II)

Seit einem Jahr schon hat sich der Massentourismus erledigt. Die Bilder aus dem Museum, in dem eine finnische Kollegin vom Andrang erdrückt wird, liegen nur vierzehn Monate zurück und wirken doch wie aus einer fernen Zeit, selbst schon museal, historisch, Relikte einer vergangenen Epoche, ausgestellt, um nicht vergessen zu werden. Die Gegenwart bittet um Abstand von diesen Bildern, und zum ersten Mal, da wird er wirklich eingehalten, da wird er nicht nur von ein paar Aufsichten gefordert, sondern von einer Pandemie. Aufsichten kann man ignorieren, die Weltlage nicht. Früher schrieben die Tourismustempel und Kunstschlösser ständige Rekordzahlen mit Rekordausstellungen, heute erfrieren die Rekorde im Minusbereich: Schließungen, Verluste, Verschiebungen. Wiedereröffnung, Wiedervertröstung.

Es ist der erste Freitag im März, es regnet, möchte schneien, und ich läute an der Tür zu einer Galerie. Ich gehe die Stufen hoch, in den Mezzanin, betrete die Ausstellung, nach Ewigkeiten wieder einmal privat in einem Kunstspeicher, doch dieser hier ist leer, wie ausgeraubt; ich bin der einzige Besucher, niemand sonst hat sich hierher verirrt (auch ich nur, weil ich einen dezenten Zeitungsbericht nicht übersehen habe), doch das ist nicht die Überraschung. Die Pointe ist, auch die Wände in dieser Ausstellung sind leer. Zahnarztweiß und unbehängt, wohin ich blicke – nur ein einziges Werk hängt hier, schwebt kommentarlos über dem Boden: eine lebensgroße schwarze Leinwand, ein absoluter, schwerer Monolith aus Dunkelheit, zerfurcht und zerkratzt wie eine teure Karosserie von wütenden Schlüsselbünden.

Der Galerist, der mich hineinließ, fragt, ob ich es verstanden, ob ich schon eine Idee hätte. Ich weiß nicht, was er meint, blicke auf die Leinwand, will angestrengt etwas darin suchen, bis mich der gute Mann endlich aufklärt: die schwarze Leinwand ist keine Leinwand – es ist eine aufgespannte Kuhhaut. Die Furchen und Risse hat nicht die Künstlerin gezogen, es sind Narben von den Weidezäunen. Die geschwärzte Haut, auf die ich starre, ist ein Mängelexemplar, ausgestellte Ausschussware, aussortiert von der zähen Lederindustrie (die nur zehn Prozent aller abgezogenen Kuhhäute auch wirklich verwendet, wie ich erfahre). Keine Ausstellung, sagt der Galerist, nur ein Moment der Ruhe soll es sein, ein Stellvertreterbild zum Verweilen und Versinken. Kontemplation.

Und vielleicht ist es genau das: Eine Ausstellung, die keine Ausstellung sein will, die nur ein einziges Bild zeigt, um zu zeigen, was alles nicht gezeigt werden kann, weil es abgesagt, vertröstet, verschoben werden musste, ein trockenes Fellstück, während die Welt vor die Hunde geht, um anzudeuten, worum es gehen könnte, sollte, vielleicht müsste; ein Borgesgedanke im Keilrahmen, ein Bild, das alle Bilder umfasst: das Universum auf einer Kuhhaut.

Kehlmann hat einmal gemeint, in einer perfekten Welt würden alle Schriftsteller vielleicht nur ein einziges Buch schreiben, und mit dem wäre dann alles gesagt. Ich stelle mir diesen Gedanken für die Kunstwelt vor, stelle mir vor, alle Künstler würden ihr Leben lang nur noch an einem einzigen Bild arbeiten, und auf dem wäre dann alles enthalten. Und in allen wiedereröffneten Ausstellungen dieser Welt wären dann nur noch diese einzelnen, absoluten Lebensbilder enthalten, die man ein Leben lang betrachten könnte. Und den Anfang hätte Anneliese Schrenk gemacht, die Künstlerin, die ich heute entdecken durfte. Mit einem dunklen, vernarbten Stück Restleder, in dem ein ganzes Leben steckt.

Oder wenn ich genauer nachdenke: mehrere. 

Mittwoch, 17. Februar 2021

Über das Frieren

In der Welt der Aufsicht gibt es gute, weniger gute, schlechte und unerträgliche Dienste. Zu letzteren zählen die unvermeidlichen Außendienste, die ich in steter Unregelmäßigkeit durchstehe, das Bewachen von Eingängen, Baustellen, Innenhöfen, Außenstellen, die gerade jetzt herhalten müssen, bis die Museen wieder öffnen dürfen. Ich stehe im privaten Windkanal des Auktionshauses, überblicke und regle die Parkordnung, versuche die Anliegen rumänischer Lieferanten zu entschlüsseln, und friere.

Ich stehe im Innenhof und friere, trotz Haube, Winterjacke, drei Paar Socken, ich friere, weil die Februarkälte anzieht, weil die Durchblutung mich wieder im Stich lässt, weil ich schon viel zu lange in der Kälte stehe, ich friere. Und mit dem Frieren werden auch meine Gedanken nur von Kälte beherrscht, und ich muss an die Tagebücher von Friedrich Hebbel denken, ständig beklagt er darin, wie es ihn friert, wie er wieder nicht warm wird, wie die nächste Verkühlung sein Genie bremst, wie sich Kältedramen im Schreibzimmer abspielen. Und Hebbel war beileibe nicht der einzige Schreiberling, der ständig fror: von Erasmus über Nietzsche bis Kafka – liest man über die Leben und Leiden aller großen Dichter, Denker, Philosophen, muss man glauben, die Geschichte der Literatur sei eine einzige, große Geschichte des Frierens.

Über Erasmus, den Größten aller Humanisten, schrieb Stefan Zweig: „Unwillkürlich denkt man bei diesem feinen, ein wenig konservenhaft trockenen Mönchsgesicht zunächst an verschlossene Fenster, an Ofenhitze, Bücherstaub, an durchwachte Nächte und durcharbeitete Tage; keine Wärme, keine Kraftströme gehen von diesem kühlen Antlitz aus, und in der Tat, immer friert Erasmus, immer hüllt sich dieses zimmersitzende Männchen in weitärmelige, dicke, pelzverbrämte Gewänder“ – doch nicht einmal die helfen ihm, immer braucht er ein Schlückchen Burgunder (nicht zu bitter), immer ist er blass, kränklich, überempfindlich, lebt und denkt in ständiger „Untergesundheit“ – und entwickelte die herzerwärmendste geistige Lehre des 16. Jahrhunderts.

Erasmus von Rotterdam war ein Vorzeigefröstler, einer, der sich von Kälte nicht verbittern ließ, obwohl seinen Schreibtagen kaum bis keine körperliche Wärme vergönnt war. Das Frieren liegt in der Natur des Schreibens – denn Schreiben beginnt damit, sich hinzusitzen – doch es ist ein freies, ein selbstbestimmtes Frieren, eines, für das man sich bewusst entscheidet, indem man der regen Bewegung das rechte Wort entgegenhält, der Vitalität des Lebens die Kraft der Gedanken. Bei Wind und Wetter muss man sich in sie versenken und alles um sich vergessen, selbst die Kälte, den Wind, die starre Sitzhaltung, die zum Frösteln neigt. Schreiben, das ist zutiefst ungesund, wie ein sturer Außendienst an arktischen Wintertagen, es ist ein zitterndes Syndrom, eine Anleitung zur Kränklichkeit, die alle großen Dichter und Denker befolgt haben – doch in ihr selbst liegt auch die Heilung: Denn ohne das eingehende Frieren im Sitzen hätten sie nie zu den Gedanken gefunden, an denen sich ihr Geist erwärmte.

Die Geschichte des Schreibens ist eine Geschichte des Frierens; es ist ein windig schönes, allzu menschliches Paradox, das sich durch alle schlecht beheizten Schreibstuben der Weltliteratur zieht: Sich auf das Frieren einzulassen, es überhaupt erst zu suchen, um schreibend gegen die Kälte anzukämpfen, sich an den Gedanken zu wärmen, während der Körper erkaltet. Nur passend, dass die vielleicht schönste literarische Liebeserklärung an das Frieren von einem Chilenen stammt: Alejandro Zambra lässt in Der chilenischste Mann der Welt seine Hauptfigur nach Belgien reisen, wo sie sich an den stillen Vater erinnert, der immer dann ein neuer Mensch wurde, wenn er den Witz vom verfrorendsten Chilenen erzählt, vom "chilliest man in the world", der natürlich eines Tages erfriert. Er kommt in den Himmel, doch auch dort friert er, also schickt ihn Gott in die Hölle, aber selbst hier ist es ihm zu kalt – also sperrt ihn der Teufel in ein Zimmer im Kern der Sonne, dem heißesten Ort des Universums. Ewigkeiten hört man nichts von dem Chilenen. Irgendwann wird der Teufel unruhig, er reist zur Sonne, öffnet die Tür zur Kammer und umgehend ertönt eine bibbernde Stimme aus dem Inneren: "Tür zu, es zieht!"

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Fantasie und Wissen

Es ist Dezember, zwei Wochen bis Weihnachten. Der Handel hat wieder geöffnet, ich stehe wieder im Auktionshaus, der erste Schnee ist wieder verschwunden. Die Schauräume im ersten Stock sind behangen wie in Petersburg, die frische Wandfarbe verschwindet hinter unzähligen, perfekt ausgeleuchteten Interieurs, starren Winter-, Wald- und Wiesenlandschaften, unbekannten Damen- und Herrenporträts, liebevoll gepinselten Hausdoggen, Rennpferden und Wildschweinen: die Kunst des 19. Jahrhunderts kommt demnächst unter den Hammer.

Ich stehe im hintersten Raum, wir nennen ihn Karl Saal, prüfe, ob jedes Bild am rechten Ort hängt, als ich selbst an einem Gemälde hängenbleibe. Die anderen Werke lassen mich kalt, sind alle gut, aber ohne Geheimnis, doch dieses eine Bild, vor dem ich jetzt stehe, es ist anders, mehr; ich lese den Wandsticker, es stammt von einem Schweizer, Benjamin Vautier, nie gehört. Freudige Erwartung in der Stube hat er es genannt, 1874 datiert. Im Grunde ein typisches Bauernpanorama, eine ländliche Familienaufstellung, hundertmal gesehen – doch nur auf den ersten Blick: In der Stube sammeln sich die Kinder, vier Mäderln, zwei Buben, stehen beim Tisch, neben dem Kamin, und freudig, erwartungsvoll blicken sie nach draußen, durch die geöffnete Tür, die einen hellen und breiten Lichtstrahl ins braunrote Zimmer wirft – doch was die Kinder sehen, worauf sie sich freuen, das sieht man nicht; das Ziel ihrer geheimnisvollen Erwartung hat uns der Künstler bewusst vorenthalten. Alle Augen sind auf ein unsichtbares Außerhalb gerichtet, nur die alte Großmutter sitzt abseits des Lichts, sitzt dunkel am Kamin, und blickt in die andere Richtung. Warum dreht sie den Kopf nicht? Und worauf warten, worauf freuen sich die lächelnden Kinder bloß?

Vielleicht sind es die Eltern, die im Bild fehlen, die endlich nach Hause kommen; naheliegend. Aber vielleicht erzählt Vautier auch noch viel mehr: Die Kinder blicken allesamt nach vorne, sie sehen gespannt in die Zukunft, in all das Leben, das noch auf sie wartet, und sie freuen sich, freuen sich unendlich auf die helle Verheißung des Wenn ich groß bin, während das Großmütterchen sich am Kaminfeuer wärmt und gelassen zurückblickt – ihr Blick ins Leben schaut nicht in die Zukunft, sondern in die Gegenrichtung; sie hat bereits alles gelebt, kann jetzt entspannt in die Erinnerung schauen, ohne sich den Hals zu verrenken. Welches Bild hätte die Dualität von Jugend und Alter jemals besser beleuchtet als dieses vergessene Auktionsschnäppchen? 

In der Mittagspause sitze ich mit einem Kollegen in unserer eigenen Stube, dem winzigen Pausenraum, in dem es zu dritt schon zu eng wird. Doch in diesem Moment ist niemand hier, außer uns beiden, eine eigenartige Ruhe erfüllt den Raum, in dem sonst immer Hektik und Bewegung und gute Laune herrscht, und mein Kollege erzählt mir aus seinem Leben. Erklärt mir, er habe heute viel mehr Fantasie als noch als Kind. Weil ihm als Kind das Wissen gefehlt hat. Und Fantasie, sagt er, kann sich erst richtig entfalten, wenn man viel weiß. Je mehr Wissen man besitzt, desto endloser werden erst die Möglichkeiten, es zu verwenden.

Nach der Pause blicke ich wieder auf die Freudige Erwartung. Vielleicht ist es genau das, denke ich, vielleicht freuen sich die Kinder unbewusst auf all das Wissen, das sie noch erlangen werden, um damit ihrer Fantasie keine Grenzen mehr zu setzen. Sie freuen sich nicht bloß auf die Zukunft, die entgegenstrahlt, sie freuen sich auf das, was die Alte am Kamin bereits innehat: die Jahre, das Älterwerden. Sie fliehen nicht vor dem Alter, sie blicken ihm mutig, freudig, angstfrei entgegen. Weil sie noch nicht wissen, was sie erwartet.

Nach vorne schauen, das heißt auch immer: dem Tod ins Auge schauen. Und diese Konfrontation, das wusste Benjamin Vautier, sie übersteigt den Rahmen; sie wartet außerhalb des Bildes – in der Fantasie.

Freitag, 4. Dezember 2020

Der Koala

Er geht als Erster zu Bett und steht als Letzter auf. Er schläft zwölf, achtzehn, bald zwanzig Stunden am Stück, er verbringt mehr Zeit im Bett als in der Welt. Seine Welt ist das Bett, sein Himmel die Decke, der Schlafpolster ein Wölkchen; kein Wecker, kein Alarm, kein Krach, kein Sonnenschein kann ihn wecken; er schläft in die Tage, seit er ein Kind ist, er schläft besser als du und ich, weil er es ein Leben lang geübt hat, weil er nicht aufhört, auszuschlafen. Er ist ein Meister seines Fachs, und sein Fach ist der süße Schlummer, der tiefe Traum, die Genügsamkeit des Liegenbleibens. 

„Schlaf“, schreibt Hebbel, „ist genossener Tod“, und niemand versteht diesen Satz besser als er – er kennt alle Arten von Schlaf, hat sie alle verinnerlicht, und wenn er stirbt, dann kann ihn selbst der Todesschlaf nicht überrumpeln. Zu viel, zu sehr hat er zuvor genossen, um Angst vor dem ewigen, großen Schlaf zu haben. Zwanzig Stunden im Bett, in der Traumlandschaft, jeden Tag – das ist, das kann nicht notwendig sein, auf keinen Fall; das ist eine Entscheidung. Seine Entscheidung. Was lässt sich da noch erledigen? Was lässt sich erreichen? Er muss nichts erreichen. Er hat seine Bedürfnisse in den Traum gelagert, er braucht nichts, vermisst nichts, er wacht nur noch auf, um sich auf den nächsten Schlaf zu freuen; und das genügt ihm. Er schläft, um zu schlafen, schläft, um zu träumen. Weil er weiß, dass man schlafen muss, um zu träumen. Träumer, Schläfer, Faulenzer, nennt man ihn. Du bist wie ein Koala, wird ihm gesagt. Du verschläfst dein Leben, wirft man ihm vor. – Ich lebe den Schlaf, erwidert er. Und legt sich wieder hin.